
Innerer Kritiker in der Promotion: Warum die Stimme so machtvoll ist und was Du tun kannst
Du liest einen Artikel und auf einmal kommt Dir Dein eigener Text dünn vor. Oder Du öffnest Dein Kapitel, liest den letzten Satz und denkst: Das ist doch banal. Manchmal kommt abends im Bett der Gedanke, dass Du vielleicht gar nicht fürs Promovieren gemacht bist. Das ist die innere Kritikerin, bzw. der innere Kritiker.
Als ich im Sommer auf LinkedIn gefragt habe, welche Ungewissheit Promovierende am meisten beschäftigt, standen Karriere, Methoden und Finanzierung zur Wahl. Ganz vorn lag aber der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten: Reicht das, bin ich gut genug?
Warum klingt die innere Kritikerin nach Wissenschaft?
Das Schwierige an dieser Stimme ist, dass sie nach Wissenschaft klingt. Sie benutzt dieselben Wörter, die Du aus Studium und Promotion kennst: zu ungenau, zu wenige gute, richtige Quellen, zu banal oder nicht neu/nicht innovativ genug.
Dazu kommt, dass es im akademischen Alltag mehr Kritik als Lob gibt. Auf Konferenzen dauert „Vielen Dank für den Vortrag“ oft fünf Sekunden, danach folgen mehrere Minuten Einwände und Gegenargumente. Ich sage dazu gern: Kritik ist die Love-Language der Wissenschaft. Eigentlich ist es ja toll, dass sich jemand die Zeit nimmt, sich mit Deinem Thema zu beschäftigen.
Kritik von außen kann trotzdem wehtun, darum ging es in Folge 289 über Feedback, das wehtut. Deine eigene Kritik von innen kommt dann noch dazu.
Was macht den inneren Kritiker/die innere Kritikerin in der Promotion so machtvoll?
Ich nenne das, was die Stimme in der Promotion so laut macht, die Gut-genug-Lücke. Sie entsteht an mehreren Stellen.
Was gut genug ist, steht nirgends. Die Promotionsordnung regelt Formales. Wie ausführlich Dein Forschungsstand sein soll, wie viele Interviews oder Experimente reichen und wie lang eine Einleitung ist, steht dort nicht. Bestehende Dissertationen sind sehr unterschiedlich gebaut: Die eine hat einen Theorieteil von 20 Seiten, die andere von 30, eine weitere von 5 Seiten.
Für Dich heißt das auch, dass Du es so machen kannst, wie Du möchtest. Dazu kommen die ungeschriebenen Regeln der Wissenschaft. Und weil es immer noch besser geht, versuchst Du immer noch mehr.
Rückmeldung kommt selten. Du schickst ein Kapitel ab und denkst an die Schwachstellen, nach denen hoffentlich niemand fragt. Manchmal bleibt die Antwort auch Wochen nach dem abgesprochenen Termin aus. Diese strukturelle Ungewissheit kommt in der Promotion häufig vor. Wie Du damit umgehen kannst, ist Thema im Kompakt-Workshop Umgang mit Ungewissheiten in der Promotion.
Mitgelernte Sätze. Viele haben in der Wissenschaft Sätze gehört wie „Das ist nicht wissenschaftlich genug“, „Disziplin“ oder „jemand anderes ist besser, schneller“. Und das fällt Dir viel öfter ein, als Dir lieb ist.
Die eigene Situation. Wer extern oder berufsbegleitend promoviert, dem fehlen oft die informellen Gespräche über die Promotion. Wer von Menschen umgeben ist, die selbst sehr kritisch mit sich sind, kann davon etwas übernehmen. Und im Kolloquium merkst Du, was die anderen gelesen haben und Du noch nicht.
Auch das Sammeln kann die Stimme lauter machen: Wer viel liest und sammelt, weiß genau, was noch alles möglich wäre. Darum ging es beim Eichhörnchen-Syndrom.
Wann ist gut genug gut genug?
In der Promotion lässt sich nicht alles machen. Es geht immer noch mehr, immer noch besser und immer noch anders. Deshalb triffst Du Entscheidungen: was Du liest und einarbeitest, und genauso, was Du nicht mehr liest, nicht mehr einarbeitest und nicht mehr anders machst. Irgendwann sagst Du: Das ist gut genug, ich lass das jetzt so. Diese Entscheidung liegt bei Dir.
Die Dissertation ist eine Qualifizierungsarbeit. Gerade fühlt sie sich vielleicht an wie das Größte, was Du bisher gemacht hast. In ein paar Jahren gibt es vielleicht andere große Projekte, und das relativiert sich. Wenn Du wegen hoher Ansprüche schwer anfängst oder abschließt, ist das Thema im Kompakt-Workshop Perfektionismus und Selbstanspruch in der Promotion.
Beide Kompakt-Workshops buchen Hochschulen, Graduiertenzentren und Kolloquien für ihre Promovierenden. Wenn Du einen davon in Deinem Programm haben möchtest, schick den Link an Deine Koordination.
Was Du tun kannst: „Meine Kritikerin sagt gerade“
Mein Vorschlag ist ein kleiner Handgriff. Immer wenn Du kritisch über Dich denkst, stellst Du dem Gedanken vier Wörter voran: „Meine Kritikerin sagt gerade“ oder „Mein Kritiker sagt gerade“. Den Satz selbst lässt Du stehen, wie er ist. Du sagst ihn leise vor Dich hin, und dann schreibst Du weiter.
Am Schreibtisch sieht das so aus: Der Gedanke „Das ist doch banal“ kommt. Du sagst: „Meine Kritikerin sagt gerade, das ist doch banal“, und schreibst weiter, auch wenn es Dir banal vorkommt. Das geht überall, wo Du an Deiner Dissertation arbeitest. In der Bahn klingt es vielleicht so: „Mein Kritiker sagt gerade, dass die anderen viel besser sind als ich“.
Am Anfang kommt Dir das vielleicht albern vor. Dazu kommt eine halbe Idee: Verstell beim Sprechen die Stimme, wie Micky Maus, wie Benjamin Blümchen, auf Bayerisch oder auf Sächsisch. Wie Du Deine Kritikerin oder Deinen Kritiker nennst, entscheidest Du selbst. Ich sage manchmal, das Wichtigste in einer Promotion ist vielleicht, sich selbst bei Laune zu halten.
Warum reicht Benennen als erster Schritt?
Warum dann nicht widersprechen? Eine Gegenantwort zu finden, kostet viel Energie. Und wenn die Stimme gerade laut ist, kannst Du ihr in dem Moment oft gar nichts entgegnen. Beim Benennen nimmst Du den Satz wahr und veränderst ihn: Aus „Du bist nicht gut genug“ wird „Mein Kritiker sagt, Du bist nicht gut genug“.
Ob die Stimme dadurch ganz verschwindet, ist offen. Wahrscheinlich ist es ein längerer Prozess. Du darfst sie benennen, und Du darfst trotzdem weitermachen. Und Du darfst wissen, dass es vielen anderen genauso geht.
Vielleicht will Deine Kritikerin Dir sogar helfen. Wenn Du wegen ihrer Sätze nicht mehr weiterarbeitest, ist es Zeit, etwas zu tun. Manche dieser Sätze klingen nach Vergangenheit, nach Schule oder nach Zuhause. Woher solche Sätze kommen können, steht im Beitrag Finde Deinen Glaubenssatz für die Promotion. Für Deine Dissertation brauchst Du etwas, das Dir jetzt hilft, sie zu Ende zu bringen.
So geht es weiter
Beim Offenen Abend „Die innere Kritiker*in“ am Mittwoch, 21. Oktober 2026, von 19:30 bis ca. 20:45 Uhr geht es darum, wie Du mit Deiner inneren Kritikerin oder Deinem inneren Kritiker umgehen möchtest. Der Abend ist online und kostenlos. Zur Anmeldung für den Offenen Abend · alle Offenen Abende.
Carmen Preißinger und ich haben das Buch „Meine Promotion auf der Zielgeraden“ für die Abschlussphase geschrieben. Darin steht das Werkzeug „Gespräch mit dem inneren Kritiker“. Und wenn Du mit Deiner Kritikerin nicht allein arbeiten möchtest, gibt es das Promotionscoaching.
Ressourcen und Links
- Podcastfolge 326: Meine innere Kritikerin sagt …
- Folge 326 auf YouTube
- Folge 289: Autsch: Feedback, das wehtut
- Folge 282: Implizites Wissen in der Promotion
- Folge 303: Das Eichhörnchen-Syndrom
- Die kritische Stimme im Schreiben
- Perfektionismus in der Promotion überwinden
- Wergen, J. & Preißinger, C. (2025). Meine Promotion auf der Zielgeraden. UTB 6519.
Häufige Fragen
Warum ist der innere Kritiker in der Promotion so laut?
In der Promotion bleibt vieles offen. Was gut genug ist, regelt keine Promotionsordnung, und Rückmeldung kommt oft selten. Dazu klingen Sätze aus dem Wissenschaftsbetrieb nach. Je nach Situation fehlen beiläufige Gespräche, etwa bei externer Promotion, oder der Vergleich im Kolloquium kommt dazu.
Woran merke ich, dass meine innere Kritikerin gerade spricht?
Sie benutzt oft Wörter, die nach Wissenschaft klingen: zu ungenau, zu wenige Quellen, schon bekannt. Sie meldet sich zum Beispiel beim Lesen eines Artikels aus dem eigenen Jahrgang, beim Wiederlesen des eigenen Textes oder abends im Bett. Manchmal zeigt sie sich daran, dass Du Deinen Text nicht mehr öffnen möchtest.
Was kann ich tun, wenn mein innerer Kritiker beim Schreiben laut wird?
Stell dem kritischen Gedanken vier Wörter voran: „Meine Kritikerin sagt gerade“ oder „Mein Kritiker sagt gerade“. Sag den Satz leise vor Dich hin und schreib dann weiter. Wer mag, verstellt dabei die Stimme, etwa wie eine Comicfigur oder in einem Dialekt.
Muss ich meinem inneren Kritiker widersprechen?
Eine Gegenantwort zu finden, kostet viel Energie, und wenn die Stimme laut ist, gelingt das oft gar nicht. Als erster Schritt reicht es, den Satz wahrzunehmen und der Kritikerin zuzuordnen. Danach arbeitest Du weiter.
Wann ist eine Dissertation gut genug?
Das steht nirgends. Die Promotionsordnung regelt Formales, und bestehende Dissertationen sind sehr unterschiedlich gebaut. Irgendwann entscheidest Du selbst: Das ist gut genug, ich lass das jetzt so.
Dieser Beitrag richtet sich an Promovierende in allen Phasen, intern, extern oder berufsbegleitend. Er ist für alle, die beim Schreiben eine Stimme hören, die sagt: Das reicht nicht.






