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Der Umgang mit der eigenen, kritischen Stimme im Schreiben
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Der Umgang mit der eigenen, kritischen Stimme im Schreiben

Der Umgang mit der eigenen, kritischen Stimme im Schreiben

Viele Promovierende haben eine Schreibhemmung, wenn es um Formulierungen und das Verfassen des Textes für die Dissertation geht. Viele Texte enstehen gar nicht erst, weil der Text von Anfang an möglichst perfekt sein muss (Blogbeitrag Perfektion und Promotion). Da wird die eigene, kritische Stimme während des Schreibens der Doktorarbeit immer lauter und führt zur Schreibblockade.

Kennst Du das auch?

In vielen Schreibwerkstätten und Schreibklausuren ist mir aufgefallen, dass Promovierende während des Schreibens – und einige sogar schon vorher – an ihrer eigenen kritischen Stimmen scheitern und es nicht oder nur sehr mühselig schaffen, Text zu produzieren. Zudem ist die eigene Kritik an sich selbst größer und vernichtender, als sie von anderen Personen wäre.

Viele Promovierende  kennen folgende Aussagen:

„Während des Schreibens denke ich daran, was alles falsch sein könnte und höre auf.“
„Vor dem Schreiben denke ich darüber nach, was Person X (seit 20 Jahren Professor*in) darüber denken würde und dann kann ich nicht weiter machen.“
„Es wird bestimmt Kritik an meiner Argumentation geben, darum schreibe ich erst gar nicht.“
„Kann ich jetzt schon schreiben, oder muss ich noch weiter lesen?“
„Meine Promotionsbetreuung wird denken, dass ich nicht in der Lage bin, eine Dissertation einzureichen.“

Kritik ist der Motor wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns

In der Wissenschaft ist es üblich, dass Erkenntnisse/Texte kritisch betrachtet werden. Zweifel an Ergebnissen gehören zum Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Das wird Studierenden bereits zu Beginn des Studiums vermittelt. Zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört, dass wissenschaftliche Aussagen generell infrage gestellt werden und dass nach Beweisen und Möglichkeiten gesucht wird, die Ergebnisse zu widerlegen. Manche Erkenntnisse überleben sich mit der Zeit selbst und werden durch neuere Erkenntnisse widerlegt, wie bespielsweise das Buch: „Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?“ eindrucksvoll belegt.
Das ist der Prozess wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, es geht immer weiter und irgendwann wird jede Forschung überholt. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind selten allgemeingültig.

Von der Kritik „Motor wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns“ profitieren auch Promovierende  schließlich ist das oft die Motivation der Promotion. Gäbe es keine Zweifel und Kritik, gäbe es keine Forschungslücke, gäbe es keine Promotion.

Woher kommt die eigene, kritischen Stimme in der Promotion?

Die Feedback-Kultur in der Wissenschaft lässt viele Wünsche und Entwicklungen offen: Wertschätzung ist als Rückmeldung und als Haltung in vielen wissenschaftlichen Arbeitsbereichen eher unüblich. Möglicherweise sind schnelle Rückmeldungen der Arbeitsbelastung und dem hohen Druck von Forschenden und Lehrenden geschuldet – da bleibt wenig Zeit für umfassendes, wertschätzendes, motivierendes Feedback.

Dazu kommt, dass Promovieren in hierarchischen Beziehungen stattfindet. Die Beziehung zwischen Promovierenden und Betreuenden ist asymmetrisch, da die Promotionsbetreuung die Noten vergibt. Mit Rückmeldungen wird der Forschungsprozess gesteuert und die Promotionsbetreuung bestimmt letztendlich auch über die Dauer der Promotion. Das führt dazu, dass sich Promovierende irgendwie immer in einer „Prüfungssituation“ befinden. Das löst Unsicherheiten und Ängste aus.

Und nicht alle Rückmeldungen auf wissenschaftliche Arbeiten sind durchdacht und fair. Zwar kennen die meisten Menschen in der Wissenschaft ein paar Feedbackregeln, Feedbackkonzepte gibt es für einen Promotionsprozess meistens nicht. Ich möchte aber an dieser Stelle anmerken, dass es auch sehr viele gute Beispiele für wertschätzende, konstruktive Rückmeldunegn gibt. Hier ein tolles Poster, Feedback zu geben und zu nehmen.

Menschen reagieren oft empfindlich auf Feedback. Feedback auf den Text/die Arbeit wird schon mal als Feedback auf die Person verstanden. Das ist allerdings nicht verwunderlich, insbesondere weil Person und Arbeit in der Wissenschaft eng verwoben sind. Promovierende identifizieren sich meist stark mit ihrer Dissertation, vielleicht weil es das erste eigene Forschungsprojekt ist und oft auch, weil sie sich ihr Thema oft aktiv gesucht haben. So trifft das Feedback oft an empfindsamen Stellen.

Außerdem ist die Fehlertoleranz in der Wissenschaft äußerst gering. Dass das für Forschungsergebnisse gelten soll, steht außer Frage – allerdings sollten Promovierende im Forschungsprozess Fehler machen dürfen, besonders weil sie (alleine) ein erstes eigenes, großes Forschungsprojekt bearbeiten. Wissenschaft ist immer auch Teamarbeit – nach dem Humboldtschen Ideal: „In Einsamkeit und Freiheit“ arbeiten  die Wenigsten.

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deposithphotos.com

Mit der eigenen, kritischen Stimme während des Schreibens umgehen – einige Ideen:

Die eigene, kritische Stimme während des Schreibens der Dissertation ist ein Schreibhemmer – sie gehört aber zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu.
Vielleicht gelingt es, diese Stimme künftig etwas leiser zu stellen, sie nicht ganz so durchdringend zu hören. Dazu solltest Du Dir bewusst sein, dass Deine Aufgabe nicht darin besteht, ein perfektes Forschungsergebnis zu liefern. Nicht-perfekte, nicht-allgemeingültige Forschungsergebnisse sind ein Muss in der Wissenschaft – denn ohne Kritik gibt es keinen wissenschaftlichen Fortschritt.

Dein Text darf/muss ein Entwurf sein. Dein Text ist so lange ein Entwurf, bis Du die Dissertation einreichst. Dass sich Dein Text mit jedem Schreiben und jedem Überarbeiten entwickelt, sollte Dir klar sein – kaum jemand ist in der Lage, einen druckreifen, wissenschaftlichen Text zu schreiben. Verdeutliche möglichen Leserinnen und Lesern, dass Du den Text als Entwurf begreifst.

Feedback gibt Sicherheit. Hole Dir regelmäßig Feedback. Bitte um Feedback auf konkrete Fragen/Anliegen, z. B. Forschungsfrage, Argumentation des Textes, usw. Bereite Dich auf die Promotionsberatung vor.

Verbinde Dich mit anderen. Gründe eine Schreibgruppe, eine Promotionsgruppe und diskutiere sowohl Deine Texte als auch Deine Ergebnisse regelmäßig, mit anderen Promovierenden, Deiner Schreibgruppe und anderen Forschenden. Ein Schreibgruppe für Promovierende gibt es übrigens auch bei Facebook.

Schreiben ist ein komplexer (Entwicklungs-) Prozess: Schreiben entwickelt sich. Schreiber*innen erwerben ihre Schreibfertigkeiten durch Schreiben. Schreiben ist Training – genau wie Muskeltraining bzw. Lauftraining, wird sich mit Deinen „Schreib-Training“ Deine Schreibkompetenz verbessern und das,  je öfter Du es machst! (Von Nix kommt nix).
Schreiben besteht zudem aus unterschiedlichen Schritten. Planen – verfassen – Überarbeiten und das Überarbeiten macht oft die meiste Arbeit bei der Erstellung von Texten. Darum entwickle für Dich eine Schreibroutine, bei der das Verfassen eines Rohtextes und stetiges Arbeiten dazu gehört – dazu gibt es auch immer wieder Tipps bei der Schreib-Challenge für Promovierende. Nicht-Schreiben hilft nicht!

Denke Positiv! Fokussiere Dich auf Menschen und Gedanken, die dich voranbringen. Ja, es gibt wirklich Leute, die schlecht und ungerechtfertigt kritisieren. Hier ein paar Beispiele  für Rückmeldungen, bei denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Negative Gedanken und Selbstzweifel bringen Dich nicht weiter!

Eine Dissertation ist KEIN Lebenswerk. Sei Dir bewusst, dass Deine Forschung eine Lücke füllt und auch wieder eine Lücke hinterlassen wird. Entspanne Dich! Du wirst im Rahmen Deiner Dissertation wahrscheinlich zu interessanten Ergebnissen kommen – Du wirst vermutlich nicht die Welt erklären – was dann besser nicht das Ziel einer Promotion sein sollte.

Das Allerwichtigste an einer Dissertation ist, dass sie fertig wird! Und darum solltest Du Deine Zweifel hinter Dir lassen. Viel Erfolg dabei:-)

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