
Kennst Du das Gefühl, vor lauter Sammeln und Suchen nicht mehr zum eigentlichen Schreiben zu kommen?
Das ist in der Forschung und daher auch bei Promovierenden weit verbreitet.
Wie Eichhörnchen Nüsse für den Winter sammeln, sammeln Wissenschaftler*innen Bücher, PDFs, Dateien auf der Festplatte und in der Cloud und noch viel mehr.
Das Eichhörnchen-Syndrom: Wenn das Sammeln von Material in der Promotion zur Belastung wird
Sammeln ist eine gute Strategie, um sich einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen, sich zu Beginn einer Promotion in einem neuen Forschungsfeld zu orientieren oder Ideen für die eigene Forschung zu finden.
Schwierig wird es jedoch, wenn die Menge des Materials nicht zu beherrschen ist oder ewiges Sammeln dazu führt, nicht auf den Punkt zu kommen oder zu prokrastinieren.
Was ist das Eichhörnchen-Syndrom? Der „Scholar as Squirrel“
Der schwedische Ethnologe Orvar Löfgren beschreibt dieses Phänomen in seinem Aufsatz „Scholar as Squirrel“. Er vergleicht Forschende mit Eichhörnchen, die unermüdlich Nüsse für den Winter sammeln und an verschiedenen Stellen vergraben. In der Wissenschaft entspricht dies dem Anhäufen von Büchern, Papers und Notizen „with vague notions that it may turn out to be useful in some near or distant future“
Löfgren, O. (2015). The Scholar as Squirrel: Everyday Collecting in Academia. Hamburger Journal für Kulturanthropologie, 3, 17-33.
Löfgren zeigt auf, dass ein Großteil dieser „Nüsse” oft nie wiedergefunden wird. Der Sammelimpuls ist tief in der akademischen Routine verwurzelt. Er führt jedoch häufig dazu, dass Forschende mehr Zeit mit dem Verwalten und Suchen verbringen als mit der eigentlichen Wissensproduktion. Das Material wird zu einer „Sicherheitsdecke“, die Forschende davon abhält, eigene Gedanken zu formulieren.
Warum sammeln Forschende?
Unsicherheit und Orientierung
Besonders zu Beginn der Promotion sammeln Promovierende alles, da sie neu in diesem Bereich sind und alles wissen und verstehen möchten. Zu diesem Zeitpunkt kann noch nicht unterschieden werden, was später wirklich relevant sein wird.
Es besteht die ständige Sorge, eine wichtige wissenschaftliche Erkenntnis zu übersehen oder eine entscheidende Lücke im Forschungsstand zu lassen. Material wird „vorsichtshalber“ gespeichert, aus Angst, sich später Vorwürfe zu machen, etwas Wichtiges ignoriert zu haben.
Akademische Kultur der Vollständigkeit
In der Wissenschaft herrscht der Anspruch, den Forschungsstand lückenlos darzustellen. Dies erzeugt strukturellen Druck, „alles“ zu wissen und zu besitzen, was es zu einem Thema gibt.
Weil es technisch möglich ist
Digitale Speicherkapazitäten: In der digitalen Welt ist Speicherplatz nahezu unbegrenzt vorhanden. Dadurch wird das Entscheidungsproblem (Behalten oder Löschen) umgangen. Es ist einfacher und „billiger“, alles zu behalten, als Zeit in das Aussortieren zu investieren („Forgetting … has become too expensive“).
Prokrastination
Das Sammeln und Importieren von Literatur fühlt sich nach Arbeit an und erzeugt das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben. Oft dient es als Ersatzhandlung, um das eigentliche, anstrengendere Schreiben aufzuschieben.
Deine Ordnung strukturiert Dein Denken
Die Art der Ablage legt fest, welche Verknüpfungen das Gehirn herstellt. Eine chronologische Sortierung erzeugt beispielsweise ein Denken in zeitlichen Abfolgen. Eine thematische Sortierung fördert dagegen das Erkennen inhaltlicher Zusammenhänge.
Zwischen Ordnungssystem und Forschung besteht eine Wechselwirkung, denn Ordnungssystem und Denken beeinflussen sich gegenseitig. Das Denken formt das System, aber das etablierte System formt wiederum das weitere Denken. Ein unübersichtliches System führt dazu, dass der Überblick über das eigene Wissen verloren geht und Unsicherheit entsteht. Durch bewusste Entscheidungen für spezifische „Container“ wird gesteuert, welche Erkenntnisse am Ende gedeihen.
Die gewählte Struktur der Ordner determiniert somit die Verbindungen, die Forschende zwischen verschiedenen Informationen sehen. Während ein Aktenordner eine feste Reihenfolge erzwingt, ermöglicht ein Karteikasten das flexible Mischen und Neuanordnen von Informationen, was zu völlig neuen Ideen führen kann. Auch die Anordnung digitaler Ordner gibt Denkstrukturen vor.
Physische Ordnung auf dem Schreibtisch dient als Erweiterung des Gedächtnisses. Das räumliche Platzieren von Materialien (Stapel links, Buch rechts) erzeugt eine „Landkarte des eigenen Denkens“. Forschende erinnern sich haptisch und räumlich an Inhalte. Das Aufräumen oder Digitalisieren dieser Stapel in unsichtbare Ordner löscht diese körperlichen Erinnerungsspuren und kann den Denkprozess unterbrechen. Das scheinbare Chaos auf einem Schreibtisch ist oft ein hochkomplexes, funktionales und professionelles Ordnungssystem.
Strategien für den Umgang mit gesammeltem Material
1. Sammelkriterien definieren: Bevor Du eine Datei speicherst, frage Dich: „Welches konkrete Kapitel meiner Arbeit betrifft das?“ Ohne klare Zuordnung wird das Material nicht archiviert.
2. Das ABC-Prinzip anwenden: Unterscheide konsequent. A-Material umfasst die ca. 20–30 Kernwerke, die Du wirklich durchdringen musst. B-Material sind Texte für den Überblick, die Du nur in Teilen liest. C-Material sind Quellen, von denen Du lediglich weißt, dass sie existieren.
3. Die Eingangsschleuse (Inbox) nutzen: Lege neues Material zuerst in einen Zwischenordner (Inbox). Leere diesen Ordner wöchentlich (z. B. jeden Freitagnachmittag) und treffe radikale Entscheidungen: Was wird in die Struktur einsortiert und was wird gelöscht?
4. Recherchegrenzen setzen: Lege zeitliche Limits fest. Recherchiere beispielsweise nur zwei Stunden gezielt zu einem Unteraspekt und kehre dann zur Bearbeitung zurück.
5. Verarbeitung vor Akquise: Verpflichte Dich, erst das vorhandene Material zu sichten und Exzerpte zu erstellen, bevor Du neue Quellen hinzufügst.
FAQ: Häufige Fragen zum Materialmanagement
Was mache ich mit alten Gliederungsentwürfen?
Nutze die Strategie der „Doppelbestattung“: Wenn Dir das Löschen schwerfällt, verschiebe alte Versionen in einen Archivordner. Das entlastet Dich, da die Dateien aus dem Blickfeld verschwinden, im Notfall aber verfügbar sind. Das Ziel ist es, den Arbeitsbereich für aktuelle Gedanken freizuhalten.
Wie finde ich meine Dateien digital wieder?
Nutze Dein räumliches Gedächtnis. Da digitale Dateien keine physische Form haben, fehlt oft das „haptische Gedächtnis“ (wie das rote Buch mit dem gelben Zettel). Du kannst das kompensieren, indem Du zentrale A-Texte ausdruckst, farblich markierst oder eine Ordnerstruktur nutzt, die exakt Deiner Gliederung folgt. So verknüpfst Du Inhalte mit einer festen Struktur.
Wann ist mein Forschungsstand erschöpft?
In der heutigen Informationsflut ist „Vollständigkeit“ eine Illusion. Dein Forschungsstand ist ausreichend bearbeitet, wenn Du die zentralen Debatten Deines Fachgebiets kennst und Dein Material ausreicht, um Deine spezifische Forschungsfrage bzw. Dein Forschungsziel fundiert zu beantworten. Mut zur Lücke ist hier Deine professionelle Kompetenz.







