Chaos kann Ordnung sein

Schreibtisch-Chaos?

Warum Deine Ordnung produktiv ist

Chaos kann Ordnung sein

Was nach außen wie Chaos aussieht, kann ein komplexes Ordnungssystem sein. Der Kulturwissenschaftler Orvar Löfgren hat sich mit genau diesem Phänomen beschäftigt und kommt zu einem bemerkenswerten Schluss:

Was für Außenstehende chaotisch wirkt, ist oft eine präzise Landkarte des eigenen Denkens.

Der Mythos des aufgeräumten Schreibtischs

Für die meisten gilt ein aufgeräumter Schreibtisch als Zeichen von Kompetenz und Kontrolle. Das prägt auch unsere Erwartungen an uns selbst. Wer produktiv ist, hat einen aufgeräumten Schreibtisch. Wer zwischen Stapeln und Zetteln arbeitet, wirkt unorganisiert, überfordert, vielleicht sogar unprofessionell.

Doch Orvar Löfgren, der sich in seinem Artikel „The Scholar as Squirrel: Everyday Collecting in Academia“ mit den Arbeitsweisen von Forschenden beschäftigt hat, kommt zu einem anderen Schluss. Er schreibt: „Was für Außenstehende aussieht wie Chaos, ist ein komplexes, personalisiertes, professionelles Ordnungssystem.“

Das macht Mut. Denn es bedeutet: Ordnung ist selten, Chaos ist häufig, und das ist völlig in Ordnung. Es gibt keine „richtige“ Art zu arbeiten. Was für die eine Person funktioniert, kann für die andere völlig dysfunktional sein. Der aufgeräumte Schreibtisch ist kein universelles Produktivitätskriterium, sondern eine von vielen möglichen Arbeitsweisen.

Dein Schreibtisch als externe Gedächtnislandkarte

Wenn Du Dein Material räumlich anordnest, egal ob auf dem Schreibtisch, im Regal oder auf dem Fensterbrett, erstellst Du eine Landkarte Deines eigenen Denkens. Deine Stapel sind keine zufällige Ansammlung von Papier, sondern zeigen, wie Du Zusammenhänge herstellst, was gerade wichtig ist und wo Du im Arbeitsprozess stehst.

Löfgren beschreibt das so: Dein Schreibtisch ist ein externes Gedächtnis. Die räumliche Anordnung Deiner Materialien speichert körperliche Erinnerungen. Du weißt: „Das Buch lag oben auf dem Stapel links.“ Oder: „Der wichtige Artikel liegt unter dem blauen Ordner.“ Diese räumlichen Marker helfen Dir, schnell zu finden, was Du brauchst.

Das Problem beim Aufräumen

Was passiert, wenn Du jetzt alles aufräumst? Wenn Du alle ähnlichen Dinge zusammenlegst, alle Stifte, alle Papiere, alle Kabel? Wenn Du Materialien in Ordner steckst oder digitalisierst?

Du verlierst die räumliche Ordnung. Das, was vorher auf einen Blick sichtbar war, verschwindet in geschlossenen Ordnern oder digitalen Dateien.

Natürlich gibt es auch den Moment der Befreiung nach dem Aufräumen. Ein leerer Schreibtisch kann sich gut anfühlen. Doch wenn Du danach ständig denkst „Mist, wo habe ich das jetzt?“ und mehr Zeit mit Suchen verbringst als mit Arbeiten, dann war Deine alte Ordnung vielleicht funktionaler, als Du dachtest.

Wie Du nach Dingen suchst – und was das über Dein System verrät

Die zentrale Frage lautet: Wie funktioniert eigentlich Dein Suchsystem? Denn die Art, wie Du nach Informationen suchst, verrät Dir, welches Ordnungssystem für Dich am besten funktioniert.

Es gibt vier grundlegende Suchstrategien:

1. Räumlich suchen

„Das lag auf dem Stapel links neben dem Computer.“ Du erinnerst Dich an Orte und Positionen. Dein Gedächtnis arbeitet mit räumlichen Koordinaten.

2. Visuell/farblich suchen

„Das war in einem blauen Ordner.“ Du orientierst Dich an Farben, Formen oder optischen Eindrücken.

3. Zeitlich suchen

„Wann habe ich das gelesen? Das war kurz nach meinem Gespräch mit der Betreuung.“ Du denkst in zeitlichen Zusammenhängen und Abläufen.

4. Kategorisch suchen

„Zu welchem Thema gehört es? Das muss bei der Methodik liegen.“ Du denkst in Schlagwörtern, Kategorien und thematischen Clustern.

Die Konsequenz: Wenn Du eher räumlich und visuell suchst, könnte ein physisches System mit sichtbaren Stapeln und Anordnungen für Dich besser geeignet sein. Für Kategorien und Themen helfen Dir digitale Ordner und Tags.

Lies auch diese Blogbeiträge:

Eichhörnchen sitzt vor einem Baumstamm und hält eine Nuss in den Pfoten, umgeben von einem Vorrat gesammelter Nüsse – Titelbild zum Blogbeitrag „Das Eichhörnchen-Syndrom: Wenn Sammeln zum Problem wird"
Buchcover von Cal Newport: Slow Productivity – Effizienz ohne Überlastung. Episode 296 des Coachingzonen Podcasts zum Thema Mit Klarheit ins neue Jahr

 Löfgren, O. (2015). The Scholar as Squirrel: Everyday Collecting in Academia. Hamburger Journal für Kulturanthropologie, 3, 17-33.

Praxistipp: Digitale Ordner visualisieren

Du kannst auch digitale Ordner visueller gestalten. Bei vielen Systemen lassen sich Ordner mit Farben markieren oder mit Emojis versehen. Auf dem Mac geht das ohnehin, aber auch in der Cloud oder mit bestimmten Programmen kannst Du Ordner farblich kennzeichnen.

Was produktiv ist, entscheidest Du!

Produktiv sein bedeutet nicht automatisch „Text am Computer schreiben“. Produktivität in der Promotion hat viele Gesichter. Die Frage ist: Wann fühlst Du Dich produktiv?

Vielleicht fühlst Du Dich produktiv, wenn Du:

  • Bücher durchblätterst und Stellen markierst
  • Zettel sortierst und neu anordnest
  • Literatur auf dem Schreibtisch ausbreitest und Zusammenhänge erkennst
  • Dinge physisch in die Hand nimmst und umgruppierst
  • Am Laptop tippst und das Geräusch der Tastatur hörst

Die zentrale Frage für Dein Ordnungssystem lautet deshalb nicht: „Ist mein Schreibtisch aufgeräumt?“ Sondern: Findest Du in angemessener Zeit das, was Du brauchst?

Die Balance finden: kreatives Chaos vs. echtes Problem

Nicht jedes Chaos ist funktional. Und nicht jeder aufgeräumte Schreibtisch ist produktiv. Die Frage ist: Wo liegt bei Dir die Grenze?

Wann ist Dein System funktional?

Dein Chaos ist produktiv, wenn:

  • Du findest, was Du brauchst
  • Du ungefähr weißt, wo was liegt
  • Du Dich an Deinem Arbeitsplatz wohlfühlst
  • Du nicht ständig denkst: „Oh Gott, wo habe ich das jetzt?“

Wann wird es zum Problem?

Dein System funktioniert nicht mehr, wenn:

  • Du regelmäßig viel Zeit mit Suchen verbringst
  • Du Deadlines verpasst, weil Du Unterlagen nicht findest
  • Du wichtige Dokumente verlierst (wie meine neue EC-Karte, die ich immer noch nicht gefunden habe)
  • Du Dich gestresst und überfordert fühlst

Dann ist es Zeit, etwas zu verändern. Nicht unbedingt aufzuräumen im klassischen Sinn, aber ein System zu etablieren, das Dir hilft, den Überblick zu behalten.

Die minimale Ordnung

Frag Dich: Was ist eigentlich die minimale Ordnung, die ich brauche, um zu arbeiten? Vielleicht reicht es, wenn Du weißt: „Hier liegen aktuelle Projekte, dort Referenzmaterial, und das ist mein ‚Einsortieren‘-Stapel.“

Du musst nicht perfekt organisiert sein. Du musst funktional organisiert sein.

Praktische Strategien für Dein persönliches System

Wenn Du merkst, dass Du etwas mehr Struktur brauchst:

1. Zoneneinteilung

Teile Deinen Schreibtisch, Deine Ordner, Deine Dateien in Zonen ein:

  • Aktuelle Projekte – das, woran Du gerade arbeitest
  • Referenzmaterial – Bücher, Artikel, die Du immer wieder brauchst
  • To-do – was als Nächstes dran ist
  • Einsortieren – der Übergangsbereich

2. Hybrid arbeiten

Arbeite digital UND analog. Drucke wichtige Texte aus, wenn Du sie intensiv lesen willst. Nutze digitale Ordner für Archivierung, aber physische Stapel für aktive Arbeitsprozesse.

3. Mini-Aufräumaktionen

Statt einer großen Aufräumaktion: 5–10 Minuten täglich. Räum jeden Tag Deinen Inbox-Ordner auf. Oder sortiere jeden Tag fünf Zettel ein.

Ich muss gestehen: Ich mache das selbst nie. Ich räume immer auf, bevor ich anfange zu arbeiten – nicht am Ende des Tages. Wenn ich fertig bin, stürze ich sofort weg. Das solltest Du für Dich auch herausfinden: Was ist Deine richtige Balance? Aufräumen am Tagesende oder Tagesbeginn?

4. Flexibilität erlauben

Und ganz wichtig: Systeme dürfen sich verändern. Was in einer Phase Deiner Promotion funktioniert hat, muss nicht für immer funktionieren. Vielleicht bekommst Du Lehrverpflichtungen dazu. Vielleicht wechselst Du in eine intensive Schreibphase. Vielleicht verändert sich Deine Lebenssituation.

Du darfst flexibel sein. Du darfst Dein System anpassen. Du darfst auch mal sagen: „Das, was ich mir vor drei Monaten überlegt habe, funktioniert jetzt nicht mehr. Ich probiere etwas Neues.“

Fazit: Dein Schreibtisch erzählt Deine Geschichte

Der aufgeräumte Schreibtisch ist ein Mythos. Zumindest als universelles Produktivitätskriterium. Was für die einen funktioniert – Ordnung, Struktur, leere Flächen – ist für andere der sichere Weg zur Blockade.

Dein Schreibtisch, Deine Ordner, Dein System – das alles sind externe Gedächtnisse. Sie zeigen, wie Du denkst, wie Du lernst, wie Du Zusammenhänge herstellst. Nutz das, was Du hast.

Ich möchte Dich ermutigen, ein System zu etablieren, das für Dich funktioniert, unabhängig davon, ob andere das jetzt gut finden oder nicht. Sei Dir sicher: Dein Schreibtisch erzählt Deine Geschichte. Er zeigt, wie Du gerade denkst, wie Du lernst. Steh dazu. Lerne, Deine Geschichte zu lesen – und vielleicht auch anderen zu erzählen.

Und wenn Du merkst, dass Du mehr Struktur in Deinem Promotionsprojekt brauchst (nicht unbedingt auf dem Schreibtisch, sondern generell), dann schau gerne bei Fokus-Promotion vorbei. Dort bekommst Du Unterstützung, um in allen Phasen Deiner Promotion dranzubleiben.

FAQ: Häufige Fragen zu Ordnung und Chaos in der Promotion

1. Ist mein chaotischer Schreibtisch ein Zeichen für mangelnde Produktivität?

Nein. Produktivität misst sich nicht am Zustand Deines Schreibtischs, sondern daran, ob Du vorankommst. Die entscheidende Frage ist: Findest Du in angemessener Zeit, was Du brauchst? Wenn ja, ist Dein System funktional – egal, wie es aussieht. Was für Außenstehende wie Chaos wirkt, kann Dein Ordnungssystem sein. Dein Schreibtisch ist eine externe Gedächtnislandkarte. Stapel und räumliche Anordnungen helfen Dir dabei, Zusammenhänge zu erkennen und schnell auf Material zuzugreifen.

2. Wie finde ich heraus, welches Ordnungssystem zu mir passt?

Beobachte, wie Du nach Dingen suchst. Erinnerst Du Dich an Orte („Das lag auf dem Stapel links“)? Dann funktioniert ein physisches, räumliches System für Dich. Denkst Du in Farben („Das war im blauen Ordner“)? Dann hilft Dir visuelle Kennzeichnung. Suchst Du zeitlich („Das war kurz nach dem Meeting“)? Dann könnte ein chronologisches System passen. Oder denkst Du in Kategorien („Das gehört zur Methodik“)? Dann sind digitale Ordner mit Tags hilfreich. Es gibt kein Richtig oder Falsch. 

3. Was mache ich, wenn andere meinen Schreibtisch kritisieren?

Du darfst Dein System verteidigen. Erkläre: „Das ist meine Arbeitsweise. Ich finde, was ich brauche.“ Du musst Dich nicht rechtfertigen für ein System, das funktioniert. Was nach außen chaotisch wirkt, kann für Dich Ordnung sein. Wenn Dich die Kritik verunsichert, frag Dich: Fühle ich mich wohl? Finde ich meine Sachen? Bin ich produktiv? Wenn Du alle Fragen mit Ja beantworten kannst, ist Dein System in Ordnung.

4. Wann sollte ich wirklich aufräumen?

Aufräumen wird notwendig, wenn Dein System nicht mehr funktioniert. Anzeichen dafür sind: Du verbringst regelmäßig viel Zeit mit Suchen, Du verpasst Deadlines, weil Du Unterlagen nicht findest, Du verlierst wichtige Dokumente oder Du fühlst Dich gestresst und überfordert. Dann ist es Zeit für eine Neuorganisation. Aber Achtung: Aufräumen bedeutet nicht zwingend „alles in Ordner stecken“. Es kann auch heißen: Zoneneinteilung schaffen, minimale Ordnung etablieren oder einfach nur den Überblick zurückgewinnen.

5. Kann ich digital und analog gleichzeitig organisiert sein?

Ja, hybrid arbeiten ist sogar sehr sinnvoll. Nutze digitale Ordner für Archivierung und Literaturverwaltung, aber drucke wichtige Texte aus, wenn Du sie intensiv bearbeiten willst. Arbeite mit physischen Stapeln für aktuelle Projekte, aber sichere alles digital. Du kannst auch digitale Ordner visuell gestalten – mit Farben oder Emojis –, um räumliches Denken ins Digitale zu übertragen. Die Kombination aus beiden Welten gibt Dir Flexibilität und nutzt die Vorteile beider Systeme.