Zu nah am Text? So wechselst Du die Perspektive
Du öffnest Dein Kapitel, fängst an zu lesen und plötzlich weißt Du nicht mehr, ob der Text gut genug ist. Das kennen fast alle Promovierenden, die eine Weile an einem Text gearbeitet haben. Was tun? Vielleicht hilft ein Wechsel der Rolle? Von der Schreib- in die Leserolle.
Dieser Beitrag richtet sich an Promovierende in der Schreib- und Überarbeitungsphase, die einen strukturierten Zugang zum Lesen und Überarbeiten ihrer Dissertationstexte suchen.
Warum Du Deinen eigenen Text nicht mehr wirklich siehst
Das Gehirn verarbeitet bekannte Texte anders als fremde. Es ergänzt, was fehlt, korrigiert während des lesens mit, überspringt Stellen, die es schon kennt. Je öfter Du Deinen Dissertationstext gelesen hast, desto wahrscheinlicher ist es, dass Du beim nächsten Durchgang schneller wirst und manches überliest. Das passiert allen Schreibenden: Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und Autor*innen.
Schreibrolle und Leserolle: zwei verschiedene Lesemodi
Wer einen Text geschrieben hat, liest ihn aus einer bestimmten Perspektive: mit dem Wissen über die Absicht, den Denkweg und die Quelle dahinter. Das ist die Schreibrolle. In dieser Rolle weißt Du genau, was gemeint ist, auch wenn es im Text so nicht steht. Die Leserolle ist das Gegenteil. Du liest, was jemand versteht, der Deinen Denkweg nicht kennt. Nur in der Leserolle wird sichtbar, was beim Lesen tatsächlich ankommt. Überarbeitung gelingt in der Regel erst aus dieser Rolle. Der Wechsel in die Leserolle ist ein aktiver Wechsel. Das bedeutet, dass Du die aktive Entscheidung treffen musst, in die Leserolle zu wechseln.
Drei Methoden, um in die Leserolle zu wechseln
Abstand ist die einfachste Methode. Wer einen Text gerade geschrieben hat, liest ihn aus der Schreibrolle. Das Gehirn ist noch voll mit dem, was es gerade produziert hat. Einige Stunden, besser mehrere Tage Abstand, reichen oft, um Stellen zu sehen, die vorher unsichtbar waren. Übergänge, die fehlen. Argumente, die nicht passen. Behauptungen ohne Beleg. Das lässt sich meist als feste Routine einplanen: heute schreiben, übermorgen lesen, in der Zeit etwas anderes tun, beispielsweise etwas anderes schreiben.
Wechsel des Mediums bringt einen anderen Lesemodus. Den Text auszudrucken oder auf einem Tablet mit Stift zu lesen und zu markieren, erzwingt eine andere Aufmerksamkeit. Du kannst dann nicht einfach weiterscrollen, sondern fixierst Dich auf das, was vor Dir liegt. Du kannst direkt markieren und am Rand kommentieren. Das verändert die Verarbeitung. Wer keinen Drucker hat: Ein Tablet mit Stift funktioniert genauso.
Laut lesen oder sich vorlesen lassen macht hörbar, was am text nicht passt und wo noch Lücken sind. Wenn ein Text beim Vorlesen holprig klingt, ist er im Geschriebenen auch holprig. Die meisten Schreibprogramme können Texte vorlesen. Es gibt auch Apps dafür. Wer beides kombiniert, erst vorlesen lassen und dann selbst laut lesen, hat zwei Durchgänge mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit und hört Unklarheiten, die beim stillen Lesen überlesen werden.
Überarbeitung in mehrere Ebenen aufteilen
Struktur, Argumentation, Sprache und Formales sind beispielsweise vier verschiedene Ebenen, auf denen Du überarbeiten kannst. Wer versucht, alles gleichzeitig zu prüfen, ist auf keiner Ebene wirklich präsent. Die Lösung: Überarbeitungsrunden trennen und jeder Runde eine einzige Aufgabe erledigen.
Die erste Runde gilt der Struktur. Passt der Text, die Länge, die Aufteilung, wird das Ziel erreicht? Fehlen Übergänge? Hängen Gedanken in der Luft? Die zweite Runde prüft die Argumentation: Stimmen Aussagen, Thesen und Belege? Gibt es Lücken in den Schlussfolgerungen? Die dritte Runde geht auf die Satzebene: passive Konstruktionen umwandeln, Wiederholungen streichen, lange Sätze teilen. Die vierte Runde ist Feinschliff: Grammatik, Zeichensetzung, Zitate, Nummerierungen.
Wer noch nicht in der Abschlussphase ist, kann bereits jetzt Kapitel überarbeiten, die schon länger fertig sind. Runde für Runde, Kapitel für Kapitel. Das spart in der Endphase erheblich Zeit.
Hier kommst Du zu den: Schreibtipps für die Dissertation
Externes Feedback einholen
Andere Menschen lesen Deinen Text ohne das Hintergrundwissen über Deine Denkprozesse, Deine Entscheidungen und Deine Lücken. Das ist ein Vorteil, weil sie Texte anders und vielleicht sogar neutral beurteilen.
Gleichzeitig ist Feedback manchmal auch unangenehm oder überraschend. Auch hier hilft es, Abstand zu gewinnen und Feedback erst einen Tag liegen zu lassen.
Einen umfangreichen Blogbeitrag zum Thema „Feedback in der Promotion“ findest Du hier.
Den Podcast „erfolgreich promovieren“ gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Wer regelmäßige Schreibzeit, Feedback und eine Gemeinschaft beim Überarbeiten sucht: Fokus-Promotion und die Schreibwochen.
Warum fällt es schwer, den eigenen Dissertationstext kritisch zu lesen?
Das Gehirn kennt den Text und ergänzt Lücken automatisch. Je öfter man ihn gelesen hat, desto schneller überliest man Stellen, die noch überarbeitet werden sollten.
Was ist der Unterschied zwischen Schreibrolle und Leserolle
In der Schreibrolle liest man mit dem Wissen über Absicht und Denkweg hinter dem Text. In der Leserolle liest man wie jemand, der den Text zum ersten Mal sieht. Überarbeitung gelingt in der Regel erst aus der Leserolle.
Wie wechsle ich als Promovierende*r in die Leserolle?
Drei Methoden helfen: zwei bis drei Tage Abstand, Mediumwechsel vom Monitor auf Papier oder Tablet, und lautes Lesen oder Vorlesen lassen durch das Schreibprogramm.
Wie strukturiere ich Überarbeitungsrunden in der Dissertation?
Struktur, Argumentation, Sprache und Formales werden als getrennte Runden bearbeitet, jede mit einer einzigen Aufgabe. So bleibt die Aufmerksamkeit fokussiert.
Wie gehe ich mit Feedback auf texte meiner Dissertation um?
Feedback erst einen Tag liegen lassen, dann entscheiden, welche Rückmeldungen passen und was bewusst so bleibt.








