Publizieren_Promotion

Gerade zu Beginn der Promotion, aber auch im weiteren Verlauf des Promovierens stellen sich viele Promovierende die Frage, wo und wie sie publizieren sollten.  Wir bekamen in der Reihe „Wir machen Dein Anliegen zu unserem Thema“ folgendes Anliegen geschickt:

Wie finde ich mich in die Publikationskultur eines Faches, in meinem Fall in die Politikwissenschaft ein? Wie entscheide ich, in welchen Journals ich publiziere? Wie kann ich abschätzen, ob ich in einem Journal als Promovierende/r eine Chance habe auch angenommen zu werden? Zum Hintergrund: Ich promoviere kumulativ und muss mir deshalb früh Gedanken darüber machen.(Podcast aus der Reihe „Wir machen Dein Anliegen zu unserem Thema“)

Publizieren in der Promotionsphase

Mit Prof. Dr. Achim Goerres habe ich zu diesem Thema gesprochen.

„Wir machen Dein Anliegen zu unserem Thema“: Du formulierst Dein Anliegen, Dein Problem, Deine Fragen und ich spreche mit Expertinnen und Experten.
Mail oder anonym: https://coachingzonen-wissenschaft.de/anliegen

Achim Goerres

Prof. Achim Goerres, Professur für Empirische Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, Member of Priority Research Area Transformation of Contemporary Societies and the Interdisciplinary Centre for Immigration and Integration Research.

achimgoerres.de
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https://www.facebook.com/empirischepolitikwissenschaft

gekürzte, bearbeitete Abschrift unseres Podcast-Gesprächs:

Wie finde ich mich in die Publikationskultur eines Faches, in meinem Fall in die Politikwissenschaft ein? Wie entscheide ich, in welchen Journals ich publiziere? Wie kann ich abschätzen, ob ich in einem Journal als Promovierende/r eine Chance habe auch angenommen zu werden? Zum Hintergrund: Ich promoviere kumulativ und muss mir deshalb früh Gedanken darüber machen.

Achim Goerres: Ich glaube die Frage, so wie diese gerade gestellt wurde, ist eher weitreichend. Am Anfang einer Promotion muss ich keine allumfassende Sicht auf die Publikationskultur eines Faches haben, sondern sollte zunächst einmal ganz pragmatisch schauen, wie ich das bei meiner Promotion hinbekomme. Und das ist ja eine viel kleinere Frage, als die Frage nach der Publikationskultur, wenngleich diese natürlich mit der Frage nach der Frage nach der Publikationskultur im Fach zusammenhängt.

Als Erstes steht immer die Frage nach den formellen Vorgaben. Diese variieren stark. Wenn wir von einer kumulativen Dissertation sprechen, gibt es unterschiedliche Vorgaben an die Manuskripte, die man bei Journals einreichen kann. Das reicht von „muss nur eingereicht sein“ zu „reicht, wenn es angenommen ist“ bis zu „muss schon publiziert sein“.
Dann muss ich mich als Doktorand oder Doktorandin als Nächstes fragen, ist welche Zielgruppen ich eigentlich erreichen will.

Aber erst sollte man herausfinden, welche formellen Vorgaben es gibt. Und das hat mit Publikationskultur erst einmal gar nichts zu tun. Das Zweite ist, dass wir in der Politikwissenschaft in Deutschland im Moment im Bereich der Publikationskultur eine rasante Veränderung haben. Die internationalen Journals, in denen man auf Englisch publiziert, werden immer wichtiger und sind für mich als Wissenschaftler das A und O geworden. Internationale Journals sind immer weiter auf dem Vormarsch, sie verdrängen deutschsprachige Zeitschriften, von denen es in der Politikwissenschaft noch nie besonders viele gab. Sie verdrängen aber auch Buchpublikationen. Ich schreibe nur noch ganz selten Bücher, weil einfach die Zeitschriftenartikel für mich die Währung sind, in denen ich meine Publikationen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit darbringe.

Man hat bei den bei den Zeitschriften in der Politikwissenschaft grundsätzlich die Unterscheidung zwischen Zeitschriften für die wissenschaftliche Community und Zeitschriften, die sich eher an Praktikerinnen und Praktiker richten. Zeitschriften für die wissenschaftliche Community machen die große Mehrzahl der Zeitschriften aus.

Jutta Wergen: Also entweder Wissenschaft oder Praxis?

Achim Goerres: Es gibt Zeitschriften, die so ein gemischtes Publikum ansprechen. Es gibt zum Beispiel die Zeitschrift für industrielle Beziehungen, die durchaus einen wissenschaftlichen Anspruch hat, die aber z. B. auch in den Gewerkschaften im deutschsprachigen Raum anerkannt ist und gelesen wird. Das heißt, wenn ich einen wissenschaftlichen Text publizieren will, dessen Zielgruppe auch die Praktiker und Praktikerinnen in den Gewerkschaften sind, dann macht es durchaus Sinn, diese Zeitschrift zu adressieren. Obwohl die wissenschaftliche Community die Zielgruppe der wissenschaftlichen Zeitschriften ist.

„Man kann aus meiner Sicht ein Journal nicht vernünftig auswählen, wenn man nicht schon sehr gut weiß, was man eigentlich zu sagen hat“

Jutta Wergen: Sollte man mit der Promotionsbetreuung über die Zeitschriften sprechen?

Achim Goerres: Also erst mal ist es grundsätzlich sehr ratsam, mit vielen Leuten zu sprechen. Vor allem mit Leuten, die schon länger publizieren. Das ist allein deswegen wichtig, weil es Veränderungsprozesse gibt, die man zu Beginn der Promotion vielleicht noch gar nicht so gut einschätzen kann. Also würde ich nicht nur mit der Promotionsbetreuung sprechen, sondern mit möglichst vielen Leuten. 
Vielleicht auf einer Konferenz auch noch mal jemanden ansprechen. Es muss kein Professor oder keine Professorin sein, sondern kann auch jemand aus dem Postdoc-Bereich sein, um einfach sich Ratschläge zu holen, für welches Ziel, welche Zeitschrift die geeignete ist.

Es geht um die Frage, mit wem will ich professionell kommunizieren? Um was anderes geht es hier nicht. Es geht hier nicht um Inhalte, sondern mit wem möchte ich kommunizieren? Wenn ich sage, die wissenschaftliche Community ist die Gruppe, mit der ich sprechen will, dann ist das Allereinfachste erst mal zu schauen, aus welchen Zeitschriften ich in meinem Paper, in meinem Manuskript am allermeisten zitiere. Und wenn ich aus Zeitschriften mehrmals zitiere, dann ist das ein ganz starkes Anzeichen dafür, dass ich prüfen sollte, ob diese Zeitschrift vielleicht an dem Manuskript interessiert sein könnte.

Jutta Wergen: Also schreibt man zuerst und schaut dann nach der Zeitschrift?

Achim Görres: Jein. Also. Wir haben innerhalb der Zeitschriften noch unterschiedliche Formate, die in der Politikwissenschaft auch immer diverser werden und uns mehr Möglichkeiten einräumen. Also es gibt ganz kurze Artikel, sogenannte Research-Notes, die sind so 2 000 bis 5 000 Wörter lang. Der Standard-Artikel ist 8 000 Wörter lang. Manche sind 10 000 Wörter lang bis zu 12 000. Bei den Formaten gibt es starke Unterschiede. Insofern kann man tatsächlich nicht erst am Ende der ersten Version des Papers anfangen nachzudenken, sondern sollte das vorher schon tun.

Also wenn ich z. B. etwas habe, was sehr empirisch ist mit wenig theoretischem Beitrag, muss ich wahrscheinlich schauen, dass ich zum Beispiel nicht über 5 000 Wörter hinauskomme. Man kann aus meiner Sicht ein Journal nicht vernünftig auswählen, wenn man nicht schon sehr, sehr gut weiß, was man eigentlich zu sagen hat.

Das heißt, ich würde immer sagen, schreib erst einmal eine Paper-Version und versuche mal bei 8000 Wörtern zu bleiben. Da hat man am meisten Möglichkeiten in der Politikwissenschaft. Schreib erst mal erste Version fertig, damit Du überhaupt mal siehst, was Du gedacht hast. Und erst dann kannst Du hingehen und schauen, welche Zeitschriften dafür eigentlich infrage kommen. Von vornherein zu sagen, ich schreibe jetzt ein Manuskript für diese oder jene Zeitschrift, halte ich für schwierig.

Es folgen dann sehr viele Überarbeitungsschleifen, bevor man einreichen kann. Aber ich würde immer sagen, die erste Version eines Papers in der Politikwissenschaft ist das Konferenz-Paper. Dafür braucht man erst einmal noch kein Journal im Kopf haben. Einfach erst mal was Gutes zu Papier bringen, ohne zu viel sich einschränken zu lassen durch das, was die Zeitschriften vielleicht von einem wollen. Und dann, wenn man den ersten Rohentwurf hat, dann kann man anfangen darüber nachzudenken und durch weitere Iterationen schleifen, dass dann so zuzuschneiden, dass es auf die Zeitschrift passt.

„Einen Artikel zu schreiben ist ein Handwerk. Und wie jedes Handwerk muss man erstmal die Basics lernen“

Jutta Wergen: Ich möchte ganz kurz eine Schleife machen. Was ist, wenn ich bei einem Promotionsexposé die Publikationsstrategie angeben muss? Dann würde der Plan, den Du gerade vorgeschlagen hast, gar nicht mehr funktionieren?

Achim Goerres: Eine große Herausforderung ist aus meiner Sicht die Promotionsordnung und damit auch das Exposé. Und da ist entscheidend, ob die Manuskripte zur Publikation angenommen sein müssen oder bereits veröffentlicht sein sollen. Ich denke, es ist ein großer Nachteil, wenn in der Promotionsordnung steht, dass Manuskripte veröffentlicht sein müssen. Die sehr guten Zeitschriften lehnen über 90 % der Manuskripte ab. Das heißt, wenn ich den Anspruch habe, von vornherein auch wirklich mit der wissenschaftlichen Community auf hohem Niveau zu kommunizieren, dann muss aus meiner Sicht ist auch immer offen sein, dass man dort einreicht.

Ich persönlich bin nicht so der Fan davon, dass man im ersten Exposé, was ja häufig auch Aufnahme die Graduate-School gebraucht wird, schon zu viel festlegt, weil man in guter Wissenschaft noch nicht weiß, was am Ende wirklich rauskommt. Im Vorhinein festzulegen was man schreibt und mit wem man schreibt, setzt eine Planungssicherheit voraus, die man bei interessanter Wissenschaft aus meiner Sicht gar nicht hat.

Ein Exposé sollte erkennen lassen, ob und welche interessante Idee überhaupt hinter dem ganzen Projekt steht. Und es sollte erkennen lassen, dass die Person, die das einreicht, analytisch denken und schreiben kann. Und die Publikationsstrategie, die man typischerweise hinterlegt, ist immer die, die man aktuell voraussehen kann. Und ich würde immer davon ausgehen, dass es nicht dabei bleibt. Ich habe noch nie eine Doktorarbeit gesehen, die nachher so aussieht, wie das, was im Exposé beschrieben ist.

Aber ansonsten fände ich es auch gar nicht schlecht, wenn man z. B. sagt, dass man eine Publikation in einer englischsprachigen Zeitschrift versuchen möchte, die z. B. im Bereich Wahlforschung besonders etabliert ist. Wen will ich ansprechen? Welche Zielgruppen will ich damit ansprechen? Also für mich wäre es viel interessanter zu wissen, für wen schreibst Du das denn dann? Was für die Art der Analyse und die Art, wie die geschrieben wird, ganz wichtig ist.

Zusammengefasst: Bei der Auswahl einer Zeitschrift sollten die Zielgruppe eine Rolle spielen und auch das, was die Promotionsordnung vorgibt, beispielsweise ob die Publikation veröffentlicht sein soll oder eingereicht.

Neben der Unterscheidung von Zeitschriften der Scientific Community versus Zeitschriften, die auch von Praktikerinnen und Praktikern gelesen werden, gibt innerhalb der Scientific Community eine weitere Unterscheidung, nämlich zwischen Omnibus-Zeitschriften und sogenannten Specialist-Journals. Die Omnibus-Journals, haben für sich den Anspruch, die Disziplin als Ganzes abzubilden, die Specialist-Journals, sind Journals, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen.

Wenn also die Entscheidung getroffen ist, in der Scientific-Community zu publizieren, muss man dann den nächsten Schritt gehen und entscheiden, ob in einem Omnibus-Journal oder ein Specialist-Journal, das von einer kleinen, aber typischerweise sehr genau definierten Teilgruppe der wissenschaftlichen Community gelesen wird.

Jutta Wergen: Wie ist das dann mit dem Begutachtungsverfahren.

Achim Goerres: Es gibt Unterschiede im Begutachtungsverfahren. Es gibt Zeitschriften, die sind herausgeberbegutachtet. Das ist in der Politikwissenschaft z. B. die Zeitschrift für Parlamentsfragen, die auch von Praktikerinnen und Praktikern beispielsweise um im Bundestag und Bundesrat herum im Orbit gelesen wird, die ist herausgeberbegutachtet.

Dann gibt es Peer Review Journals, wo das Manuskript anonymisiert ist und die Autor:innen auch nicht wissen, wer die Reviewer sind, also double blind, ist einmal der der typische Standard. Es gibt aber auch Journals wie zum Beispiel West European Politics, wo die Anonymisierung nur aus der Richtung der Reviewer zum Autor oder zur Autorin ist. Und die Reviewer wissen, wer die Autor:innen sind. Auch das gibt es. Was es in der Politikwissenschaft bisher noch nicht gibt, wobei es sein kann, dass es da schon erste Ideen gibt, dass man das komplett offen macht, dass jeder genau weiß, wer was geschrieben hat und dass auch der Dialog zwischen den Reviewer und den Autorinnen veröffentlicht wird. Das gibt es in den Naturwissenschaften schon länger. Bei Zeitschriften der Politikwissenschaft kenne ich es bisher noch nicht, aber das konnte ich mir auch gut vorstellen. Bei guten Journals ist es so, dass der Austausch zwischen Herausgeber:in, Gutachter:in und Autor:in teilweise zweimal, vom Text her dreimal so lang ist wie das eigentliche Manuskript und sehr, sehr viel Wissenschaftlichkeit auch in diesem Austausch steckt. Ich persönlich finde diesen Austausch sehr spannend. Vor allem, wenn er mit dem finalen Manuskript gedruckt ist.

Jutta Wergen: Wie können Promovierende einschätzen, ob es sich lohnt ein Manuskript einzureichen? Kann man so etwas herausfinden?

Man kann bei den Journals die sogenannte „Turnaround Time“ recherchieren. Da erfährt man, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Manuskript zur Veröffentlichung angenommen wird. Es gibt auch eine Übersichtsseite für Journals in der Politikwissenschaft, wo das Mal so nebeneinander gelistet ist. Aber für einen Doktoranden der Doktorandin ist das erst mal gar nicht so wichtig. Einen Artikel zu schreiben ist ein Handwerk. Und wie jedes Handwerk muss man da erst mal irgendwie die Basics lernen.

Und es gibt diverse Workshops, die man besuchen kann. Oder es gibt auch online einige Artikel dazu. Wie schreibe ich einen guten Artikel? Das ist ein Handwerk, das man lernen kann.

Man muss das öfter machen und lernt es mit der Zeit. Und diese dieses Handwerk ist erst einmal unabhängig vom eigentlichen Inhalt. Also ich muss erst mal eine interessante Idee haben, eine interessante Analyse, sonst bringt es überhaupt nix. Und das ist das, was viele Doktorandinnen und Doktoranden aus meiner Sicht unterschätzen, wie viel Mühe es erst einmal kostet, das Format richtig hinzukriegen.

Das kriegt man nur hin, indem man sich informiert. Und dann, dass das Manuskript auch ganz viele Feedbackschleifen über Leute, die ein bisschen Erfahrung haben. Und da erfährt man dann Dinge, die man so vielleicht gar nicht wissen kann. Beispielsweise gibt es einen Unterschied zwischen deutschsprachigen und englischsprachigen Zeitschriften. Bei den meisten englischsprachigen Zeitschriften in der Politikwissenschaft ist es üblich, in der Einleitung ein bis zwei zusammenfassende Sätze zu schreiben. Beispielsweise, was der allerwichtigste Beitrag dieses Manuskripts ist. In vielen deutschsprachigen Zeitschriften schreibt man das nicht. In deutschsprachigen Zeitschriften ist das quasi etwas, was der Leser der Leserin durch das Lesen herausfinden soll und das kann man gut oder schlecht finden. Das ist aber dann eine Konvention, der man folgen muss. Das heißt, man kann dann nicht etwas bei einer englischsprachigen Zeitschrift einreichen, ohne diese ein bis zwei Sätze zu schreiben. Dann fällt man sofort negativ auf. Und das ist ein unnötiger Fehler.

Jutta Wergen: Wie begleitest Du Deine Promovierenden in Sachen Publikation bzw. bei der Entscheidung kumulativ zu promovieren oder eine Monografie zu schreiben?

Achim Goerres: Also es gibt ja erst noch mal da vorgeschaltet die grundsätzliche Entscheidung, das in Buchform oder kumulativ zu machen? Da würde ich als Betreuer auch immer sagen: „Lass uns das Mal abwarten und schauen, was Du für wo Deine Analyse sich hinbewegt“.

Aus meiner Sicht ist ganz wichtig, dass man erst einmal überlegt, wo geht die Reise inhaltlich hingehen soll? Also viele von meinen Doktorandinnen und Doktoranden arbeiten quantitativ. Quantitative Analysen, weil es viel stärker verbreitete Standards gibt, eignen sich viel besser für Artikel-Publikationen als eine qualitative Analyse, weil erstens in der qualitativen Forschung die Standards nicht so einheitlich verbreitet sind und zum zweiten, weil einfach die Erreichung von qualitativer Evidenz mehr eine größere Anzahl an Wörtern verlangt, die in den Zeitschriften gar nicht gegeben ist.

Also muss man auch entscheiden, was der Inhalt der Promotion ist. Lässt sich die Forschung in mehrere Artikel aufspalten oder nicht? Macht es Sinn oder nicht? Und da würde ich immer sagen, dass man erst mal gute Ideen haben soll und die gut umsetzen soll und dann über das Format nachdenken soll. Also erst die Idee, dann das Format.

Auch die berufliche Perspektive spielt eine Rolle. Es gibt eine kleine Anzahl von Zeitschriften, die auch von den PraktikerInnen und Praktikern gelesen wird. Da würde ich nur publizieren, wenn ich sicher bin, dass ich nicht in der Wissenschaft bleiben will. Wenn ich mir zum Beispiel vorstellen könnte, nach der Promotion bei der Gewerkschaft zu arbeiten, dann wäre es sinnvoll in der Zeitschrift für industrielle Beziehungen zu veröffentlichen, weil die in dem Bereich von den Profis gelesen wird.

Das heißt, die Wahl der Zeitschriften hängt mit Sicherheit davon ab, was man danach für Pläne hat. Wenn man sagt, ich möchte es gerne versuchen, in der Wissenschaft zu bleiben, dann hat man im Bereich der Zeitschriften aus meiner Sicht gar keine Wahl mehr. In der Politikwissenschaftler sind englischsprachige Zeitschriften, die auch ein hohes Prestige haben, sind das A und O.

Wir haben in der Politikwissenschaft den Social Science Citation Index. Das ist eine kommerzielle Liste von Zeitschriften, die indiziert werden. In diesen Zeitschriften zu publizieren ist erst mal nicht so ganz verkehrt. Ohne Zeitschriften kann man als Politikwissenschaftlerin oder Politikwissenschaftler nicht mehr reüssieren in Deutschland.

Jutta Wergen: Was wäre eine strategische Vorgehensweise? Auch im Hinblick auf die Karriere? Wie sollte ich publizieren?

Achim Goerres: Normalerweise kann man sagen, die Verlage haben kein großes Problem damit, wenn man aus einem Artikel eine Buchpublikation macht. Etwas schwieriger ist es, andersherum, also erst im Buch publizieren und dann im Nachhinein einen Artikel draus machen. Das haben die englischsprachigen Verlage weniger gern.

Jutta Wergen: Können wir etwas über den Tellerrand des Faches hinausschauen? Kannst Du einschätzen wie die Publikationslage und die Publikationskultur in anderen Fächern ist?

Achim Goerres: Ich kann sagen, dass die Politikwissenschaft gerade auf dem Weg zu einer zunehmenden Vermessung, auch der Zeitschriftenlandschaft ist. Bisher war das in der Politikwissenschaft noch so ein bisschen vage, wie gut eine Zeitschrift von ihrem Prestige her ist.

Es gibt den berühmten Impact Factor, der sagt, wie häufig im Schnitt Artikel aus einer Zeitschrift zitiert werden. In anderen Fächern wie z. B. den Wirtschaftswissenschaften, aber auch der Medizin ist das so, dass die Zeitschriften schon komplett durchleuchtet sind und es eine richtige Hierarchie gibt und es beispielsweise auch bei kumulativen Qualifikationsarbeiten noch mal genau gewichtet wird, wie viel man sammeln muss..

Das heißt, wir sind in der Politikwissenschaft noch so ein bisschen im Übergang, weil wir unterschiedliche Traditionen haben. Wir haben ja auch eine starke qualitative historische Tradition, die eher noch mit Büchern arbeitet. Deswegen ist das bei uns wird das wahrscheinlich nie ganz so stark werden, wie in der Wirtschaftswissenschaft z.B. wo man alles komplett über Zahlen darstellen kann das wahrscheinlich nie ganz so stark werden wie in der Wirtschaftswissenschaft z. B. wo man alles komplett über Zahlen darstellen kann und deswegen auch die Publikation in Zeitschriften funktioniert.

Jutta Wergen: Wie wird sich die Publikationslandschaft verändern? Mit zunehmenden Publikationen, wie wir das jetzt mit der steigenden Anzahl kumulativer Promotionen haben, verändern sich doch auch die Zeitschriften? Wird es da einen Publikationswettbewerb geben?

Ja, die Veränderungen kann man, kann man sehen. Es gibt immer mehr Zeitschriften in der Politikwissenschaft, weil es einfach immer mehr Wissenschaftsmärkte der Politikwissenschaft gibt, die über Zeitschriften und Zeitschriftenartikel strukturiert sind.

Und dadurch kann man einfach mehr Zeitschriften verkaufen. Das sind kommerzielle Projekte, die die kommerziellen Verlagshäuser mit dem mit dem Ziel der Profitmaximierung irgendwie durchbringen wollen. D. h., wenn immer mehr Leute bereit sind, Zeitschriften zu abonnieren, dann kann ich auch mehr Zeitschriften verkaufen. Da kann ich auch mehr Raum geben für andere. Dadurch wird die Kultur wieder zeitschriftenlastiger.

Jutta Wergen: Ist eine kumulative Promotion einfacher?

Achim Goerres: Was einigen Doktorandinnen und Doktoranden hilft, ist das Arbeiten mit mehreren kleinen Teilprojekten. In mehreren Artikeln habe ich eine stärkere Strukturierung des Projekts und ich glaube, für die Motivation ist es einfacher zu sagen, ich mache jetzt Paper 1 fertig, dann geht das in den Review Prozess. Dann fange ich mit Paper 2 an, das in den Review Prozess geht, dann inzwischen das Paper 1 abgelehnt worden, wird überarbeitet und dann gehts weiter. Dann kommt Paper 3 usw.. Also ich glaube, dieses Teilen in kleinere Einheiten hilft manchen Doktorandinnen und Doktoranden zusätzlich mit ihrer Promotion dort umzugehen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man Paper-Manuskripte einfacher zirkulieren kann.

Beispielsweise wenn Du mal jemand auf einer Konferenz kennenlernst und feststellst, dass ihr gemeinsame Interessen habt. Und Du könntest Deine Artikel teilen. 20 Seiten werden eher angeguckt als 200 Seiten. Das heißt, man kann schnell Feedback bekommen. Das ist auch ein großer Vorteil dieser Begutachtungsprozesse. Selbst wenn man abgelehnt wird, kriegt man typischerweise zumindest bei den guten Zeitschriften hochwertiges Feedback. Das heißt, die Wissenschaft wird einfach besser dadurch, dass ich kleinere Einheiten habe, die, bei denen ich besser Feedback einholen kann.

Nichtsdestoweniger, es gibt immer Forschungsprojekte in der Politikwissenschaft, die sich nicht für ein Paper eignen. Es ist wichtig, dass Du Deinen großen Rahmen hast. Eine Buchform gibt einem viel mehr Flexibilität als Zeitschriften. Es ist viel schwieriger, einen Zeitschriftenartikel zu einer gegebenen kleinen Form zu schreiben, als ein größeres Buch. Das Buch ist einfach eine flexiblere Darreichungsform, Du kannst sechs Kapitel machen, Du kannst fünf Kapitel machen, es können 130 Seiten sein aber es können auch 250 Seiten sein. Ein Buch zu schreiben ist einfacher, weil es flexibel ist. Und bestimmte Projekte sollten auch in so einer Darreichungsform kommuniziert werden, vor allem die, die sehr viel mit qualitativer Evidenz arbeiten.

Jutta Wergen: Es gibt auch Leute, die meinen das Promovierende ein Buch schreiben sollten.

Achim Goerres: Also ich kenne diese Argumentation. Ich halte sie nicht für stichhaltig. Man kann als Beispiel Esther Duflo, die Gewinnerin des Nobelpreises 2019 nehmen. Die hat in Harvard eine kumulative Dissertation aus drei Papieren vorgelegt, die nach ihrer Promotion in hochrangigen Zeitschriften veröffentlicht wurden, die glaub ich zum Teil auch Grund, dessen sind, warum sie den Nobelpreis bekommen hat. Da würde niemand sagen, das, was die produziert hat, ist keine hohe Wissenschaft. Deswegen kann man das glaube ich, grundsätzlich nicht sagen. Ich halte die Diskussion für unnötig zu sagen, dass man nur über eine Buchpublikation eine qualitativ gehaltvolle wissenschaftliche Arbeit leisten kann. In einem Buch zu publizieren.

Ein Buch zu veröffentlichen oder ein Manuskript in einer Zeitschrift zu veröffentlichen sind verschiedene Handwerke. Wenn dann jemand, der eine volle Professur bekommen soll gezeigt hat, dass er alle Handwerke seines Faches beherrscht, kann ich das nachvollziehen. Aber das ist eine andere Diskussion als die, ob Doktoranden und Doktoranden kumulativ promovieren oder eine Monografie erstellen. Auf dem Weg in die Wissenschaft reicht es zunächst, wenn Promovierende zeigen, dass sie eine dieser Handwerkskünste beherrschen. Zeitschriftenartikel und Monografien sind einfach verschiedene Kommunikationsformen.

Und ich halte die Diskussion um die Darreichungsform für eigentlich ein bisschen verfehlt. Eigentlich geht es um Qualitätssicherung und eine Qualitätssicherung kann man ganz anders hinkriegen als die Frage ist es ein Artikel oder ist es ein Buch?

Jutta Wergen: Ich möchte noch etwas Fragen zum Thema Veröffentlichung einer Monografie. Sollten Promovierende ihre Dissertation online veröffentlichen, oder sollten Sie ein gedrucktes Buch publizieren?

Achim Goerres: Das ist wieder die Frage, was man erreichen möchte. In Deutschland ist es ja bei vielen Promotionsordnungen so, dass irgendeine Form von Veröffentlichung verlangt wird, damit man den Doktortitel final wirklich bekommt und tragen kann. Die Veröffentlichung des Buchmanuskripts auf dem online Server geht am aller schnellsten. Und wenn Promovierende einen Job außerhalb der Wissenschaft beginnen, würde ich immer sagen, dass sie schauen sollten, dass sie die Dissertation möglichst schnell veröffentlichen, online, weil es wesentlich schneller geht.

Dann gibt es Buchverlage, die sagen: „Pass mal auf, wenn Du mir 2000 Euro oder 3000 Euro gibst, dann drucke ich das für Dich. Und dann sprechen wir auch nicht mehr über eine Qualitätskontrolle.“

Das geht aber auch normalerweise relativ schnell, wenn man mal zu den qualitativ hochwertigen Verlagshäusern, sei es auf Deutsch oder auf Englisch geht, die haben typischerweise eigene Qualitätssicherungsschleifen. Na ja, da schickt man das Manuskript hin. Es wird begutachtet. Das dauert seine Zeit, dann sagt das Gutachten, das man der Text umschreibt. Da muss man dazu Stellung beziehen. Dann muss man das umsetzen. Das dauert typischerweise mindestens noch mal ein Jahr, um das zu machen. Und wenn man in der Wissenschaft bleiben will, wo sich vielleicht eine hochwertige Publikation bei einem guten Verlagshaus auch auszahlt, dann sollte man das investieren. Ich würde dann aber trotzdem immer sagen, dass man die Promotionsordnung möglich schnell bedient und veröffentlicht. Wenn das Manuskript dann nach Vorgabe der Gutachten umgeschrieben wird, ist es auch kein Plagiat mehr.

Es ist so, dass, dass die finale Version bei den Verlagshäusern doch dann sehr stark anders aussieht als das, was man auf dem Server abgelegt hat. Also da erarbeitet man eine neue Version, die noch mal wirklich substanziell anders ist. Aber es ist nicht so ganz einfach, das zu entscheiden. Ich persönlich bin nicht so der große Fan dieser Publikationspflicht als Teil des offiziellen Promotionsverfahrens. Das gibt es in anderen Ländern nicht.

Die Frage, die sich Promovierende stellen müssen ist wie viel Zeit sie zum Überarbeiten haben und ob sie den Doktortitel sofort brauchen. Wenn man aber die hochwertigen Verlagshäuser will, dann muss man auf jeden Fall deutlich mehr Zeit investieren. Also eine Doktorarbeit genügt ja bestimmten Ansprüchen, ist aber nicht unbedingt ein gutes Buch.

Jutta Wergen: Lieber Achim, ich danke Dir. Ich hoffe, dass wir das Anliegen der Personen jetzt umfassend bearbeitet haben, und einige Impulse für die Entscheidungsfindung der Person mit diesem anliegen und auch einigen anderen Promovierenden gegeben haben.

Ich freue mich auf unser nächstes Gespräch, denn ich habe noch ein schönes Thema für uns reserviert.