Wie Du von Zitaten zu eigenen Gedanken kommst

Zitat, Zitat, Zitat – und dazwischen ein paar Sätze, die verbinden. Viele Promovierende kennen dieses Muster: Die eigenen Gedanken wirken dünn im Vergleich zu dem, was andere längst brillant formuliert haben. Dabei ist die Verbindung von der fremden Aussage zur eigenen Position, das, was eine Dissertation zu einer Forschungsleistung macht.

vom zitat zum text

Wenn eigene Argumente hinter Zitaten verschwinden

Es ist kein Fehler, Zitate früh zu sammeln. Im Gegenteil: Viele Promovierende gehen genau richtig vor, wenn sie zunächst wichtige Passagen zusammentragen und erste Gedanken dazu notieren. Das Problem entsteht, wenn beim Schreiben die Zitate das Gerüst bilden – und die eigene Argumentation nur noch als Lückenfüller dazwischenlandet. Der eigenständige Beitrag wird unsichtbar, obwohl er längst vorhanden ist. Für Gutachter*innen ist genau das die entscheidende Frage: Wo ist die eigene Forschungsleistung?

Die Rohtextmethode: erst schreiben, dann absichern

Die Rohtextmethode dreht den gewohnten Schreibprozess um. Statt einen Absatz mit Zitaten zu befüllen und dann dazwischenzuschreiben, kommt zuerst der eigene Text – ohne eine einzige Quelle. Quellen, Bücher, PDFs bleiben geschlossen. Zehn Minuten reichen: Was denkst Du zu diesem Thema? Was würdest Du jemandem erzählen, der noch nichts davon weiß? Der Text muss nicht akademisch klingen – er muss ehrlich sein. An Stellen, wo noch Belege fehlen, helfen Platzhalter in eckigen Klammern: [QUELLE] oder [BEISPIEL]. So bleibt der Schreibfluss erhalten, ohne dass das Denken unterbrochen wird. Erst danach öffnen sich wieder die Quellen – jetzt aber gezielt, um die eigene Argumentation abzusichern, nicht um sie zu ersetzen. **Das Ergebnis ist ein anderes:** Die eigenen Gedanken stehen im Zentrum, die Zitate belegen sie.

 

Fünf Brücken vom Zitat zum eigenen Gedanken

Um aus einem Zitat-Text eine eigene Position zu entwickeln, schlage ich fünf Möglichkeiten vor: 

  • Einordnen: Du überträgst eine allgemeine Theorie auf Deinen konkreten Fall. „Das bedeutet für mein Untersuchungsfeld…“
  • Weiterdenken: Du führst einen fremden Gedanken dorthin, wo er für Dein Thema relevant wird. „Darüber hinaus kann argumentiert werden, dass …“
  • Grenzen zeigen: Du würdigst eine Position und öffnest gleichzeitig Raum für Deine eigene Forschung. „Diese Perspektive greift zu kurz, weil …“
  • Synthese: Du verbindest verschiedene Positionen zu einer neuen Einsicht. „Verbindet man Ansatz A mit Erkenntnissen aus B, zeigt sich…“
  • Praktische Anwendung: Du holst das Abstrakte in Deine eigenen Daten. „Übertragen auf die vorliegende Untersuchung heißt das …“

So oder ähnlich kannst Du aus Zitaten Deinen eigenen Text schreiben. Wenn Du erst einmal Deine eigene Positiion gefunden hast, kannst Du klar denken und schreiben.

Deine wissenschaftliche Stimme entsteht durch Auswahl

Deine wissenschaftliche Stimme ist kein Stil und kein besonderer Ton. Sie entsteht dadurch, dass Du auswählst, welche Verbindung Du herleitest, beispielsweise zwischen vorhandener Theorie und eigener Forschung, zwischen fremder Position und eigener Einordnung. Einerseits kannst Du Zitate nutzen, um Deine Gedanken abzusichern, andererseits kannst Du Zitate nutzen, um neue Gedanken zu entwickeln.

Die Rohtextmethode und die fünf Verbindungssätze sind genau dafür: erst denken, dann belegen. Und die Zitate, die Du gesammelt hast? Die brauchst Du trotzdem, aber als Beleg, nicht als Gerüst.

„Deine eigene Stimme entsteht dadurch, dass Du auswählst, welche Verbindung Du jetzt ziehst zwischen dem, was es schon gibt, und dem, was Du geforscht hast.“

Mehr Begleitung gewünscht? Bei Fokus-Promotion gibt es einen virtuellen Schreibraum, Workshops und Austausch mit anderen Promovierenden. Als Einstieg eignen sich die monatlichen Schreibwochen. Alle Informationen bei Fokus-Promotion