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Promovieren 50+ Tipps und Gedanken

Promovieren 50+ Tipps und Gedanken

Promovieren 50+

Als Coach begegnen mir hin und wieder Beratungsanfragen von Menschen, die recht spät promovieren möchten. Sie planen keine wissenschaftliche Karriere mehr und ihre beruflichen Optionen vergrößern sich durch die Promotion meist nicht.
Die Idee dieser älteren Promovierenden ist eher, berufliche Erfahrungen wissenschaftlich zu bearbeiten. Für manche bedeutet es auch, sich einen Traum zu erfüllen, dessen Erfüllung sich in jüngeren Jahren nicht ergeben hat, weil er aus wichtigen Gründen, z.B. Familiengründung und Existenzsicherung, verschoben werden musste. Möglicherweise sind die Familienaufgaben weniger geworden und wieder mehr Zeit verfügbar und dann rückt eine in früheren Zeiten beabsichtige Promotion wieder in den Bereich des Möglichen.

Aber, ist es unbedingt eine gute Idee mit 50+ als „Best Ager“ oder „Generation Gold“ zu promovieren?

Hier möchte ich einige Gedanken dazu teilen und am Ende des Artikels auch noch ein paar Tipps zum Promovieren 50+ geben. Vor allem möchte ich hier in dem Blogbeitrag einmal auf die Herausforderungen eingehen, auf die Promovierende treffen, wenn sie Jahre, bzw. Jahrzehnte nach Studienabschluss eine Promotion in Erwägung ziehen.

Die Fragen, die ältere Promovierende im Promotionscoaching stellen, drehen sich darum, ob man mit 50+ noch promovieren soll oder darf, welche besonderen Themen sich durch das Alter ergeben und vor allem, wie eine Promotion abläuft.
Die Entscheidungsphase älterer Promovierender unterscheidet sich nicht sonderlich von der, der jüngeren Promovierenden, allerdings sind die Schwierigkeiten größer. Ein wesentlicher Unterschied ist die berufliche Perspektive mit Dr.-Titel. Während jüngere Promovierende die Promotion in Verbindung mit anderen, neuen beruflichen Optionen sehen, wollen ältere Promovierende eher die Erfahrungen aus ihrem Berufsleben wissenschaftlich bearbeiten.
Die Fragen und Anliegen der älteren Promovierenden sind übrigens weit entfernt von den Umständen der 102 jährigen, die 2015 in Hamburg ihre Doktorarbeit 80 Jahre nach der Einreichung verteidigt hat.

Motivation: Typische Gründe für eine Motivation zur Promotion entstehen durch das wissenschaftliche Interesse an einem Thema, den Wunsch einer (wissenschaftlichen) Karriere oder die Aufforderung durch die spätere Promotionsbetreuung.
Ältere Promovierende sind meist durch das Interesse am Thema an einer Promotion interessiert. Eine wissenschaftliche Karriere kommt für die meisten älteren Promovierenden nicht mehr infrage, wohl aber neue Perspektiven, die möglicherweise erst nach oder zum Ende der Berufstätigkeit beginnen. Oft sind das Beratungstätigkeiten oder Ehrenämter und weniger wissenschaftliche Karrieren und Führungspositionen.

Modernisierung: Sowohl studieren als auch promovieren haben sich in den letzten 10, 20, 30 Jahren verändert. Das betrifft die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens, die fachlichen Inhalte und wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch den Einsatz von Theorien und Methoden. Die Veränderungen betreffen einerseits die Art, wie in bestimmten Fachdisziplinen gearbeitet wird sowie die Techniken, die dazu genutzt werden. Vor allem werden vermehrt technische Hilfsmittel, wie zum Beispiel verschiedene Literaturverwaltungsprogramme, Statistik und Auswertungs-Programme, Datenbanken, Bibliothekssysteme genutzt. Das bedeutet für Promovierende, die schon etwas länger nicht mehr in der Wissenschaft tätig waren, dass sie sich zusätzlich zur Forschung, in diese Programme einarbeiten müssen.
Auch haben neue wissenschaftliche Theorien und Methoden in den Fächern Einzug gehalten. Promovierende, die lange aus der Hochschule heraus sind, müssen, sofern sie diese Veränderungen nicht verfolgt haben, hier wieder anknüpfen und nacharbeiten – und das kann zeitintensiv sein und ggf. (Nach-) Hilfe von anderen erfordern.

Gewohnheit: Im Studium werden verschiedene Arbeitsmethoden ausprobiert und erfolgreiche Strategien wissenschaftlichen Arbeitens übernommen. Im Laufe des Studiums perfektionieren und individualisieren Studierende die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens. Das führen sie dann während der Promotion einfach weiter und erlernen gegebenenfalls noch weitere Arbeitstechniken und Arbeitsstrategien.
Arbeitsintensiv wird es dann, wenn Promovierende schon länger keine Routine des wissenschaftlichen Arbeitens mehr haben. Hier müssen neue Routinen und neue Strategien her!

Promotionsbetreuung: Die Anbindung an die Promotionsbetreuung ist für alle, die nicht auf einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Mitarbeiterin arbeiten, ein besonderes Thema. Das Erstellen einer Dissertation erfordert eine stetige Kommunikation sowohl mit der Promotionsbetreuung als auch mit anderen Forschenden. Hier müssen externe Promovierende, egal welchen Alters, eine besondere Leistung bringen, nämlich immer von sich aus die Nähe zum Forschungsfeld und den regelmäßigen Austausch zur Promotionsbetreuung suchen.

Vernetzung: Die Möglichkeiten, sich sowohl zu den Inhalten der Promotion als auch zur Bewältigung von Herausforderungen oder zum Austausch von funktionierenden Arbeitstechniken auszutauschen, fördern den Promotionsfortschritt. Nicht alleine im stillen Kämmerlein zu promovieren trägt wesentlich zum Erfolg, bzw. zum Abschluss einer Promotion bei. Das betrifft einerseits die Anbindung an die Universität und die Promotionsbetreuung, die Angebote der Graduiertenförderung der Fakultäten und Universitäten und den Zugang zu allen Hilfsmitteln wie Räumen, Büchern, Programmen. Zum anderen ist die Vernetzung sowohl fachlich, zum Beispiel im Kolloquium, als auch der Zusammenschluss von Promovierenden zu einer Promotionsgruppe, die sich regelmäßig über den Promotionsfortschritt, Arbeitstechniken oder Zeitpläne austauscht, wichtig.

Und nun? Promovieren mit 50+?!

Promovieren mit 50+ ist eine Option für alle, die gerne wissenschaftlich arbeiten und ihre langjährigen Erfahrungen aus der Praxis wissenschaftlich zugänglich machen wollen. Vielleicht haben sogar die Hochschulen etwas davon, wenn sich langjährige Praxis und neueste Erkenntnisse der Wissenschaft begegnen. Allerdings ist das Promovieren für jene, die schon lange nicht mehr an der Hochschule tätig waren, anstrengender, als ohnehin schon. Auch der Kontakt zu den Promotionsbetreuenden, die vielleicht erst im Alter der eigenen Kinder sind, ist nicht unbedingt immer einfach.

Hier formuliere ich ein paar Tipps, worauf Promovierende 50+ achten können:

Die Schwierigkeiten der älteren Promovierenden sind nicht unbedingt größer oder kleiner, als die der jüngeren Promovierenden. Ältere Promovierende müssen ebenso wie jüngere Promovierende ihre Promotionsphase gestalten. Darum können diese Tipps auch auf Promovierende mit 20+, 30+ und 40+ übertragen werden. Besonders hilfreich sind die folgenden Tipps für Promovierende, die ihre Promotion berufsbegleitend erstellen.

Formuliere die wissenschaftliche Relevanz Deiner Forschung

Beschäftige Dich gründlich mit Deinem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse. Was kannst Du der Wissenschaft bieten, was sie noch nicht hat? Arbeite vor der finalen Entscheidung, für oder gegen eine Promotion, den aktuellen Forschungsstand auf. Lies alle relevanten wissenschaftlichen Studien zu Deinem geplanten Promotionsthema. Recherchiere gründlich, wo die Forschung momentan in Bezug auf Dein Promotionsthema steht und ob Deine Forschungsfrage nicht bereits beantwortet wurde.

Berücksichtige Alternativen zur Promotion

Überlege gründlich, ob es unbedingt eine Promotion sein muss. Was steckt eigentlich dahinter, dass Du promovieren möchtest? Sollte es, z.B., der Wunsch sein, ein Buch zu schreiben, dann mache das. Erspare Dir die Quälereien, die eine Promotion mit sich bringt, denn ein Buch schreibt sich, ohne eine Promotionsbetreuung im Nacken, wesentlich leichter.

Prüfe auch, ob Du wirklich die nächsten Jahre sehr intensiv forschen und schreiben möchtest. Über die durchschnittliche Dauer von Promotionen ist relativ wenig bekannt, allerdings gibt es Vermutungen, dass Promotionen zwischen 3 und 7,5 Jahren dauern. Willst Du das?

Mache einen Testlauf

Setze Dich mit aktuellen Forschungsmethoden Deines Faches auseinander. Prüfe für Dich, wie viel Arbeit es macht, sich in aktuelle Methoden und Theorien einzuarbeiten. Wenn Du planst zu promovieren und schon lange keine Universität mehr von innen gesehen hast: Besuche Veranstaltungen an der Universität, versuche als Gast an Masterseminaren teilzunehmen und Ringvorlesungen oder andere öffentliche Veranstaltungen der Hochschulen zu besuchen. Hier kannst Du ein Gefühl dafür bekommen, ob es Dir gelingen könnte, wieder schnell in die Wissenschaft, bzw. das wissenschaftliche Arbeiten hereinzukommen.

Plane das Ziel der Promotion konkret

Die Motivation ist das, was Promovierende durch die Promotion trägt. Darum rate ich unbedingt dazu, zu konkretisieren was der Ertrag der Promotion ist. Das können Beratungstätigkeiten, Ehrenämter oder andere Tätigkeiten sein, wo die Expertise der Promotion benötigt wird. Überlege, was die Promotion bringt und ob die Promotion für das angestrebte Ziel das richtige Mittel ist.

Vernetze Dich aktiv

Versuche Dich möglichst früh zu vernetzen. Vielleicht haben andere auch die Idee einer späten Promotion. Eine Promotion benötigt ein tragfähiges Netzwerk zu anderen Promovierenden, Forschenden und Promotionsbetreuenden. Berücksichtige besonders die fachliche Vernetzung mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Plane ebenso, wie Du Dich in einer Promotionsgruppe zu den Arbeitsstrategien und Arbeitstechniken und Deinem Promotionsfortschritt austauschst.

Promovieren 50+?

Grundsätzlich solltest Du wohl überlegen, ob Du Dir eine Promotion noch antun möchtest. Letztendlich ist es doch wohl mehr Arbeit, als man sich so vorstellt. Wenn Du eine gute Promotionsbetreuung hast, gut vernetzt bist und einen guten Zugang zu den technischen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens und einen guten Umgang mit Arbeitstechniken und Schreibstrategien hast, sollte Deiner Promotion nicht viel im Wege stehen.

Hier ein Interview zum Thema Promovieren in Rente, das ich mit Dr. Mechthild von Lutzau geführt habe und die ihre Promotion mit Anfang/Mitte (50+) begonnen schließlich mit 67 Jahren beendet hat. Es ist eben nicht so einfach, berufsbegleitend zu promovieren!

 

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