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Es geht auch ohne Promotion
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Es geht auch ohne Promotion

Foto: depositphotos/Londondeposit

Es geht auch ohne Promotion

Wie fühlt es sich eigentlich an, die Promotion abzubrechen? Viele Promovierende denken darüber nach, ihre Promotion abzubrechen. Kaum jemand spricht drüber, zu groß ist die Scham, versagt zu haben. Aber ist ein Promotionsabbruch ein Versagen? Ist man mit einer abgebrochenen Promotion gescheitert? Ich freue mich, dass ich ein Interview mit Sascha Foerster führen durfte – der seine Promotion abgebrochen hat – und meilenweit davon entfernt ist, gescheitert zu sein!

Das Interview mit Sascha Foerster

Es geht auch ohne Promotion

Sascha Foerster (Foto: Nicole Wahl)

Sascha Foerster hat im Projekt „Deutsche Nachkriegskinder 1952-1961“ am Zentrum für Alterskulturen an der Universität Bonn promoviert.  Nach 3 Jahren hat er beschlossen, seine Dissertation nicht weiter zu schreiben. Das Besondere: Über ein Crowdfunding hat er einen Teil seiner Studie finanziert.

Wozu hast du geforscht?

Mein Forschungsprojekt hieß „Deutsche Nachkriegskinder“. Das war eine Studie, die zwischen 1952 und 1961 in Deutschland erfolgte. Ich habe die Studie vor ca. 10 Jahren kennen gelernt, war davon sehr begeistert. Ich wollte für meine Doktorabeit, die alte Studie noch einmal nutzen, wollte die damaligen Kinder heute noch einmal als alte Menschen befragen. Ich wollte eine Studie über deren Lebensspanne machen. Also die Kindheitsdaten mit den heutigen neu zu erhebenden Daten in Verbindung zu bringen. So konnte ich mein Interesse für Geschichte, Psychologie und mein Interesse für IT und Digitalisierung kombinieren.

Wie bist Du zu Deinem Thema gekommen?

Ich hatte schon relativ lange gesucht, bis ich ein Thema gefunden hatte, dass alle meine Interessen widerspiegelt. Bei dem ich mich auch wirklich motiviert fühlte, dazu zu forschen. Das hat mit dem Thema geklappt. Geschichte, Psychologie und IT, das passte mit dem Thema. Alle drei Interessen passten da perfekt hinein.

Welche (Karriere-) Perspektiven hast Du mit Deiner Promotion verbunden?

Ein Antrieb war auf jeden Fall die Promotion, da wünscht man sich ja schon irgendwie einen Einstieg in die Wissenschaftskarriere. Und ich glaube, vor ein paar Jahren war dieser Wunsch noch viel größer. Mittlerweile ist er zu einer realistischen Sicht der Dinge gewichen. Da ich viel stärker sehe, dass dies ein Verwaltungsjob ist, dass es noch sehr viele Aufgaben innerhalb einer Professur gibt, die vielleicht nicht so interessant sind, wie das, was man mit dem Forschen eigentlich vorhatte. Es kann natürlich auch sein, dass ich jetzt aus der Enttäuschung heraus die Geschichte uminterpretiere. Ich wäre gerne Wissenschaftler geworden. Aber jetzt sage ich, ich kann auch wissenschaftlich arbeiten, ohne an einer Universität zu sein.

Was hat letztendlich den Ausschlag dafür gegeben, die Promotion nicht weiter zu führen? Und wie lange hast Du vorher überlegt?

So eine Promotion zu beenden ist total schwer. Diese Linie zu ziehen, weil es niemals so einen klaren Punkt gibt, außer der Professor sagt, es ist vorbei oder so. Man kann versuchen hier noch ein bisschen Geld aufzutreiben und da noch ein wenig weiterzumachen. Und selbst, wenn man in Vollzeit arbeitet, kann man sich immer noch einreden, dass man promoviert. Im Endeffekt hat man überhaupt keine Zeit dafür. Den Ausschlag, die Promotion zu beenden, da kamen doch einige Faktoren zusammen.
Das Eine war die Finanzierung. Meine halbe Stelle bei der Max-Weber Stiftung lief aus und es bestand keine Aussicht auf Verlängerung. An der Universität gab es ebenfalls keine Chance auf Finanzierung. Obwohl man versucht hat, Möglichkeiten zu schaffen, eine 33 % – Stelle für viereinhalb Monate und solche Geschichten.
Und außerdem bin ich Vater geworden und ich wusste, dass ich ab da mehr Verantwortung für mich, mein Kind und meine Familie übernehmen muss. Da ist mir dann klargeworden, dass ich innerhalb von einem halben Jahr keine Chance habe, die Promotion zu schaffen. Damit war für mich persönlich die Entscheidung auch klar, dass ich aufhöre. Es gab noch einmal eine Zeitlang die Hoffnung, dass ich noch nebenberuflich promovieren könnte, aber, wenn man dann realistisch ist und weiß, man hat ein Kind und man muss sich finanzieren, kann das nicht funktionieren. Irgendwo muss man Abstriche machen. Und dann habe ich Prioritäten gesetzt.

Welche Reaktionen hattest Du auf die Beendigung Deiner Promotion?

Also der engere Familienkreis vertraute mir einfach mit meiner Entscheidung und man merkte auch, dass es mir in dieser Zeit nicht so gut ging. Und sie merken jetzt, dass es mir nun viel besser geht. Im Nachhinein unterstützen sie diese Entscheidung und für sie war es auch nicht so wichtig, ob ich promoviere oder nicht. Das war eher der eigene Antrieb.

Wie reagierte die Promotionsbetreuung?

Die haben die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Das nehme ich ihnen manchmal ein wenig übel, andererseits ist das deren Selbstverständnis. Es ist deren Aufgabe, Promovenden Hoffnung zu geben und sie weiter zu bringen. Aber das hat auch manchmal für Frustration gesorgt.
Andererseits waren sie auch immer offen, um zu sagen, ob es eine Stelle gibt oder nicht. Das war dann auch immer meine Entscheidung, dann doch weiterzumachen und Wege zu suchen. Ich kann niemandem vorwerfen, dass er mir da falsche Fakten vorgegaukelt hat. Aber es ist auch nicht die Aufgabe der Promotionsbetreuung, die Promotion zu beenden. Das war meine Entscheidung.

Wie sagt man der Promotionsbetreuung, dass man die Promotion abbricht?

Normalerweise hat man ja zu der Promotionsbetreuung ein vertrauensvolles Verhältnis. Ansonsten würde man ja nicht dort promovieren. Man ist dann ja die nächsten drei bis fünf, bzw.  sechs Jahre oder zehn Jahre mit den Leuten verbunden. Ich habe auch erst mit dem Betreuer gesprochen, als die Entscheidung für mich klar war. Wir hatten  immer ein vertrauensvolles Verhältnis. Deshalb war das auch überhaupt kein Problem, den Promotionsabbruch anzusprechen. Zum Glück konnte meine Promotionsbetreuung meine Entscheidung verstehen – wenn auch mit Bedauern.

Wie lange hat die Entscheidung gedauert, die Promotion zu beenden?

Die Entscheidung ist in vielen Monaten gereift, eigentlich waren es Jahre. Zeiten, in denen ich zwischendurch frustriert war, in denen es nicht weiter ging. Wenn die Finanzierung nicht klar war. Warum gibt es keine Unterstützung? Ich habe ein tolles Projekt, warum passiert da nichts? Als Doktorand ist man dann relativ hilflos, ich habe versucht das über Crowdfunding zu machen, das hat ja dann auch geklappt.
Aber einen Forschungsantrag für die DFG zu schreiben, was nötig gewesen wäre, das liegt nicht in meiner Hand. Das müssen andere Leute machen. Und denen waren auch teilweise die Hände gebunden. Weil sie entweder emeritiert waren, oder weil sie gar nicht in dem Forschungsprojekt waren, weil sie nicht von der richtigen Universität kamen. Es blieb immer die Hoffnung, vielleicht kommt jetzt doch noch einmal eine Ausschreibung.
Wie das so ist, kam einen Monat, nachdem ich aufgehört habe, die Ausschreibung, die gepasst hätte. Da hätte ich mich darauf bewerben müssen. Das war dann leider zu spät.

Wie offen kann man mit einem Promotionsabbruch umgehen?

Ich bin offen damit umgegangen, weil ich für mein Promotionsprojekt Crowdfunding betrieben habe. Dafür muss man ja auch sehr viel offenlegen, dass Vertrauen damit gewinnen. Und deswegen war es am Ende auch nötig, den Unterstützern, vor allem auch allen anderen, die dort mitgefiebert haben, die mich unterstützt haben, offenzulegen, warum ich gescheitert bin. Es fällt einem sehr schwer, aber das gehört ja dazu, zu dieser offenen Wissenschaft, darzulegen, warum es mit dem Experiment oder mit dem Forschungsprojekt nicht geklappt hat.

Hast Du das Gefühl, dass Du Lebenszeit verschwendet hast?

Ja, das schwankt manchmal so ein bisschen. Also die Hoffnung, dass das Projekt noch einmal irgendwie auflebt, die gebe ich ja noch nicht auf. Vielleicht macht ja auch jemand anders weiter. Und dadurch, dass ich alles offenlege, was ich da erarbeitet habe, kann auch jemand darauf zurückgreifen, wenn er das möchte, da sage ich jetzt auch nicht nein. Ja, ansonsten kommen manchmal so negative Gefühle auf, dass man denkt, dass ist verlorene Zeit gewesen. Ich habe das jetzt wer weiß wie viele Jahre an der Uni gedreht, bin nicht an mein Ziel gekommen, aber jetzt in der Selbstständigkeit bin ich sehr glücklich und ich habe viele Sachen während der Promotionszeit gelernt, die auch ohne den Titel am Ende zu haben, sehr nützlich sind.

Was hast Du gelernt?

Also ich habe gelernt, wie Kommunikation funktioniert, wie man Leute beim Crowdfunding dazu bewegt, Geld zu überweisen. Das nennt sich dann in der Wirtschaft „Marketing und Sales“. Das sind Kenntnisse, die ich jetzt als Dienstleistung verkaufen kann. Deswegen war die Zeit, eine Zeit der Experimente, in der ich Dinge ausprobieren und frei entscheiden konnte. Man sollte während der Promotion versuchen, möglichst viel zu lernen und eine gute Zeit zu haben. Selbst wenn man scheitert, sollte man etwas mitnehmen.

Wie kommuniziert man einen Promotionsabbruch nach außen – schadet das der Karriere?

Ich bin jetzt Community-Manager, da spielt die Promotion eine untergeordnete Rolle. Hier kommt es auf ganz andere Dinge an, nämlich, ob ich Netzwerke habe und kenne und ob ich gute Dienstleistung verkaufe und die Kunden zufrieden sind. Teilweise frage ich mich, ob mein Diplom in Psychologie und ob ich den Titel Psychologe überhaupt auf meine Visitenkarte schreiben soll. Ich versuche meine psychologischen Kenntnisse einzubringen und als Mehrwert zu verkaufen. Ob ich dann mit einer Promotion jetzt mehr verdienen könnte, ich weiß es nicht. Aber zum Einstieg kann ein Doktortitel auch eher negativ sein, besonders wenn der Chef keinen Doktortitel hat.

Heißt „Promotion abbrechen“ scheitern?*

Nein! Eine Promotion kann ja sogar eine Hürde beim Einstieg in das Berufsleben sein, wenn man nicht gerade in der Wissenschaft bleiben will. Im akademischen Bereich in Deutschland ist sie ja Pflicht.
Viel wichtiger als der Doktortitel ist doch, dass man dort ankommt, wo man zufrieden ist.  Ich glaube, dass ich mich in ein wissenschaftliches Thema verliebt habe und stelle jetzt fest, dass ich in meiner freiberuflichen Tätigkeit viel, viel glücklicher bin. Viel zufriedener und teilweise mehr Sicherheit habe, weil ich die Dinge selbst in der Hand habe. Ich bin nicht mehr abhängig von dem Professor, der den Antrag schreibt und mir das Geld besorgt, sondern ich kann meine Kunden selbst finden und habe meinen Businessplan. Und jeder, der das gelernt oder studiert hat, der kriegt das auch hin.

Was machst Du jetzt mit Deiner begonnen Promotion? Du hast Daten erhoben – was passiert damit?

Das sind ja sowohl personenbezogene als auch historische Daten. Die Daten sind alle am Institut für Psychologie der Universität in Bonn und bleiben auch da, erst einmal. Sie sind dort im Archiv gelagert und solange keiner damit etwas macht, bleiben sie einfach da. Das waren ja auch meine Daten. Die Adressdaten, die Recherche nach den Leuten, die habe ich in einem verschlüsselten Ordner immer noch auf meinem Rechner, die übergebe ich aber dem Institut für Psychologie. Ich lasse sie verschlüsselt, weil das einfach noch nicht geregelt ist. Weil ich auch niemanden kenne, der die Daten momentan so hüten kann. Auf lange Sicht werde ich sie aber auch löschen müssen. Als drittes habe ich noch die ganzen Forschungsdaten, die Literatur, die Zwischenergebnisse meiner Diplomarbeit, usw. Diese habe ich alle in den Blog online gestellt. Man kann die komplette Literaturdatenbank durchsuchen, ansonsten bin ich auch immer ansprechbar, ich rücke auch alles heraus, da bin ich komplett frei.

Welches sind aus Deiner Sicht Argumente, die einen Promotionsabbruch erklären?

Das Ende ist auch ein Anfang. Ich bin jetzt zufriedener. Die Phase des Abschieds war zwar schmerzhaft und auch nicht so toll. Aber jetzt bin ich viel zufriedener und ich habe die Chance, etwas Neues zu starten.

Neugier und Lernen kann man auch außerhalb von universitären Strukturen leben. Man braucht keinen Doktortitel, um zu forschen oder neugierig zu sein, um die Augen offen zu halten. Teilweise ist es sogar umgekehrt, manchmal kann man außerhalb dieser Strukturen viel freier denken und mal ganz andere Wege einschlagen, kann viel innovativer sein.

Es gibt auch ein gutes Leben ohne Doktortitel. Es wird zu viel Lebensqualität investiert. Es ist wichtig, auch andere Perspektiven zu gewinnen. Es gibt andere wichtige Dinge in meinem Leben. Und da war die Geburt meiner Tochter ein wichtiges Zeichen, das viele Prioritäten noch einmal in eine andere Ordnung gebracht hat. Deswegen fällt es mir überhaupt nicht schwer, zu sagen, dass der Doktortitel nicht so wichtig ist, wie Zeit und Lebensqualität mit meiner Familie zu haben.

*Sascha hat einen Blogbeitrag zu seinem Promotionsabbruch geschrieben

Es geht auch ohne Promotion

Das Interview zeigt, dass es zwar nicht leicht ist, eine Promotion nicht abzuschließen, dass es aber dafür gute Gründe geben kann. Die Idee, die Daten der Forschung anderen zur Verfügung zu stellen, kann das Forschungsprojekt trotzdem zu einem guten Abschluss bringen.
Das Interview zeigt aber auch, dass ein Promotionsabbruch nicht bedeuten muss, zu scheitern. Allerdings wird deutlich, das Mut dazu gehört, den einmal eingeschlagenen Weg zu verlassen, um einen anderen zu gehen.

Es geht also weniger darum, was andere darüber denken, wichtig ist es, eigene Prioritäten zu setzen und diese umzusetzen! Denn ohne Promotion gehts auch!

Beitragsbild: depositphotos.com/Urheberrecht londondeposit