Bunte Moderationskarten im Freien, handschriftlich beschriftet mit Self-Doubt, Vergleich mit anderen, Struktur des Tages und Feedback einholen

Gedanken an einen Promotionsabbruch kennen viele Promovierende. Ausgesprochen werden sie selten, schon gar nicht öffentlich. Meistens klingen sie so: Was ist, wenn ich aufhöre? Lohnt sich die Promotion für mich noch? Und dann machst Du weiter, weil Du schon zu viel investiert hast, ohne die Frage wirklich zu beantworten. Genau das kann auf Dauer viel Energie kosten.

Promotionsabbruch: Weitermachen ist auch eine Entscheidung

Die Frage, die nie beantwortet wird, kostet Energie

Eine Promotion nicht abzubrechen, ist genauso ein Prozess wie sie abzubrechen. Er läuft über Monate, oft über Jahre, und er läuft im Hintergrund mit. Wer immer weitermacht, ohne die Frage jemals zu klären, zahlt dafür mit Energie und Motivation. Der Satz „Nützt ja nichts, ich mache weiter“ ist keine Entscheidung, sondern eine Vertagung.

Dabei lässt sich eine ganze Menge klären. Und vielleicht entscheidest Du Dich danach sehr bewusst fürs Weitermachen. Vielleicht veränderst Du die Bedingungen, unter denen Du promovierst. Vielleicht kommst Du auch zu einer anderen Entscheidung. Wie eine solche Entscheidung aussehen kann

Austausch: Was hilft, um dranzubleiben?

Anfang August 2026 habe ich eine kleine Umfrage auf Linkedin gemacht und danach gefragt, was Promovierende zum Weitermachen motiviert. 

Vierzig Personen haben abgestimmt. Ganz vorn lag der Austausch mit anderen, direkt danach kam Unterstützung. Der Druck von außen landete weiter hinten, obwohl er über befristete Verträge, Stipendienlaufzeiten und Fristen in der Promotionsordnung überall eingebaut ist. In den Kommentaren stand außerdem eine Antwort, die in keine Option passte. Genannt wurden der eigene Wille und die Erinnerung an das ursprüngliche Warum.

Beim Austausch kommt es allerdings darauf an, wie er stattfindet. Hilfreich wird er, wenn Du nicht nur erfährst, womit andere kämpfen, sondern auch, wie sie damit umgehen. Wenn Ihr Erfahrungen, Strategien und Lösungen teilt, Entscheidungen besprecht und Euch gegenseitig dabei unterstützt, weiterzukommen.

Ein Abbruch ist ein Prozess, keine Entscheidung an einem Tag

Ein Promotionsabbruch ist meistens keine Entscheidung, die an einem einzelnen Tag fällt. Anja Franz beschreibt den Abbruchprozess in sechs Phasen. Am Anfang steht eine Irritation: Etwas passt nicht mehr. Das Promotionsprojekt stagniert, wird wieder aufgenommen, stagniert erneut. Erst später fällt die Entscheidung für den Abbruch.

Daraus lässt sich ein praktischer Schluss ziehen: Wenn Du weiterpromovieren möchtest, lohnt es sich, schon bei der Irritation genauer hinzuschauen. Was passt gerade nicht mehr? Was hat sich verändert? Und was brauchst Du, damit Du weiterarbeiten kannst?

Die Auslöser müssen dabei nicht unmittelbar mit der Promotion zu tun haben. Eine Krankheit, Veränderungen in der Partnerschaft, ein Kind, Pflegeverantwortung oder ein auslaufender Vertrag können die Bedingungen verändern, unter denen Du ursprünglich mit Deiner Promotion begonnen hast.

Die Abbruchzahlen sagen etwas über die Promotionsbedingungen aus

Viele Promovierende haben schon einmal darüber nachgedacht aufzuhören. Tatsächlich abgebrochen wird deutlich seltener. Interessant ist deshalb nicht nur die Gesamtzahl, sondern auch, unter welchen Bedingungen Promovierende häufiger oder seltener abbrechen.

Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen Fächern und Promotionsformen. Die Einbindung in Arbeitsgruppen, strukturierte Promotionsprogramme und Graduiertenkollegs kann eine Rolle spielen. Wissenschaftliche Mitarbeit bringt wiederum eigene Belastungen mit sich. Extern und frei Promovierende müssen viele Strukturen, die an einer Hochschule oder in einer Arbeitsgruppe vorhanden sind, selbst herstellen.

Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel: Wenn sich Abbruchrisiken je nach Promotionsbedingungen unterscheiden, lässt sich ein Promotionsabbruch nicht einfach mit fehlender Disziplin oder Motivation erklären.

Niemand in einem Graduiertenkolleg ist allein aufgrund dieser Promotionsform belastbarer als jemand, der extern promoviert. Die Bedingungen sind andere: Austausch, Finanzierung, institutionelle Einbindung, Betreuung und verfügbare Zeit können sich erheblich unterscheiden.

Hinzu kommt eine Schwierigkeit der Statistiken selbst: Nicht alle Promovierenden werden gleichermaßen gut erfasst. Gerade bei externen und berufsbegleitenden Promotionen ist es schwieriger, Beginn, Verlauf und möglichen Abbruch vollständig abzubilden. Auch deshalb sollten Abbruchzahlen nicht losgelöst von den jeweiligen Promotionsbedingungen gelesen werden.

Der stille Rückzug zeigt, dass etwas schiefläuft

Parallel zu den Abbruchgedanken kann etwas passieren, das kaum jemand bemerkt: Promovierende ziehen sich Schritt für Schritt zurück. Sie gehen seltener ins Kolloquium, ziehen vom Ort der Promotion weg oder sprechen weniger über ihre Arbeit. Kolja Briedis beschreibt in seiner Forschung eine solche Entwicklung als Desintegration aus den Arbeitszusammenhängen der Promotion.

Dieser Rückzug braucht keine bewusste Entscheidung. Ein Kolloquium fällt aus, das nächste liegt ungünstig und beim übernächsten ist der Abstand schon groß. Gerade wer in wenig verbindlichen Strukturen promoviert, kann dabei aus dem Blick geraten. Abbruchgedanken können wachsen, wenn niemand mehr nachfragt.

Im Modell von Anja Franz findet sich auch die Gegenbewegung: Anerkennung aus dem wissenschaftlichen Feld kann dazu beitragen, dass Promovierende ihre Arbeit wieder aufnehmen. Eine Einladung, ein Gespräch, Interesse an der eigenen Forschung.

Wer Promovierende betreut oder mit ihnen arbeitet, kann genau hier ansetzen. Manchmal beginnt das mit einfachen Fragen: „Wie geht es Dir? Wann sehen wir uns wieder? Sollen wir einmal über den Stand Deiner Promotion sprechen?“ Damit entsteht wieder Kontakt und die Promotion kann zu etwas werden, mit dem die Person nicht allein bleiben muss.

Die Coachingfrage: Was wäre morgen anders?

In meinen Coachings zu Abbruchgedanken steht am Anfang häufig eine Frage: Was wäre anders, wenn Du morgen mit Deiner Promotion aufhörst?

Darüber sprechen wir eine Weile, manchmal arbeiten wir auch visuell damit. Die Antworten helfen dabei, genauer zu unterscheiden, was hinter dem Gedanken ans Aufhören steckt.

Fallen Dir sofort viele Erleichterungen ein, lohnt sich ein genauer Blick auf Deine Belastung. Kein Kolloquium mehr, kein Druck, Dich erklären zu müssen, wieder freie Wochenenden oder mehr Zeit für Deine Familie. Dann lautet die nächste Frage: Was davon lässt sich verändern, ohne die Promotion zu beenden? Kannst Du Arbeitszeiten verschieben, Aufgaben abgeben, Verpflichtungen aussetzen oder Erwartungen neu verhandeln?

Vielleicht zeigt sich aber auch, dass ein Abbruch in Deinem Alltag erstaunlich wenig verändern würde. Dann lohnt sich eine andere Frage: Welche Rolle spielt die Promotion überhaupt noch in Deinem Leben? Möchtest Du wieder einsteigen und der Promotion erneut einen Platz geben? Oder möchtest Du den Gedanken an einen Promotionsabbruch ernsthaft weiterdenken?

Auch das gehört für mich ins Coaching: nicht nur Wege zum Weitermachen zu suchen, sondern eine Entscheidung zu ermöglichen. Und wenn diese Entscheidung ein Abbruch ist, zu klären, wie ein guter Abschied aussehen kann, wie Du darüber sprechen möchtest und wie Du das, was Du in dieser Zeit geleistet und gelernt hast, mitnimmst.

Vier Fragen zur Resonanz in Deiner Promotion

Denkst Du darüber nach, die Promotion vorzeitig zu beenden? Oder willst Du einfach nur wieder mehr Resonanz in Deinem Promotionsprojekt? Nimm Dir Zeit, diese 4 Fragen schriftlich zu beantworten

    Wer weiß gerade konkret, woran Du in Deiner Dissertation arbeitest?

    Wann hast Du zuletzt jemandem einen Text aus Deiner Dissertation gezeigt?

    Mit wem sprichst Du über die Inhalte Deiner Forschung?

    Wann ist Dein nächster Termin, an dem Du mit jemandem über Deine Dissertation sprichst?

    Fällt Dir bei diesen Fragen niemand ein oder nur Menschen, mit denen Du seit Monaten nicht gesprochen hast, dann hast Du einen Ansatzpunkt gefunden. Und zwar einen, an dem Du selbst etwas bewegen kannst. 

    Austausch entsteht nicht überall von selbst

    Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig: Geh wieder ins Kolloquium. Wenn Deine Betreuung keines anbietet, suche nach einem anderen. Verabrede Dich regelmäßig mit ein oder zwei anderen Promovierenden. Dabei müssen nicht einmal alle aus Deinem Fach kommen. Vereinbare verbindlichere Gespräche mit Deiner Betreuung, zum Beispiel einmal im Monat zu einem Text oder einer konkreten Frage. Gründe eine Schreibgruppe. Oder melde Dich zu einer Tagung an und finde heraus, was passiert, wenn Du wieder mit anderen über Deine Forschung sprichst.

    Wer an einem Lehrstuhl promoviert und dort ein Kolloquium, eine Arbeitsgruppe und Kolleg*innen im Nachbarbüro hat, findet leichter Gelegenheiten für solchen Austausch. Wer extern oder berufsbegleitend promoviert oder Care Aufgaben übernimmt, muss diese Gelegenheiten häufig selbst organisieren.

    Das ist keine Frage von Disziplin. Die Strukturen sind unterschiedlich.

    Wenn der Austausch in Deiner Promotionssituation nicht vorgesehen ist, kannst Du ihn deshalb als Teil Deiner Promotionsarbeit behandeln: mit eigenen Terminen, festen Verabredungen und Zeit in Deiner Wochenplanung. Genau wie das Lesen, Forschen und Schreiben.

    Ressourcen und Links

    • Absolvent*innenstudie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, 2020, mit der Untersuchung von Anja Franz zu den sechs Phasen des Promotionsabbruchs: https://hof.uni-halle.de/journal/texte/20_1/Brandt_Franz.pdf
    • Folge 286 – Promotionsabbruch: Warum diese Entscheidung richtig sein kann. Melanie Bittner über das Beenden ihrer Promotion ohne Dissertation
    Fokus Promotion und die Schreibwochen 

    Promotionsabbruch: eine Entscheidung treffen 

    Ist es normal, über einen Promotionsabbruch nachzudenken?

    Ja. Viele Promovierende haben im Laufe ihrer Promotion schon einmal daran gedacht aufzuhören. Tatsächlich abgebrochen wird deutlich seltener. Der Gedanke ist also häufiger als die Handlung.

    Warum kosten Abbruchgedanken so viel Energie?

    Weil die Frage meistens offen bleibt. Wer weitermacht, ohne die Gründe zu klären, trägt eine unbeantwortete Frage mit sich herum. Das kann auf Dauer Energie und Motivation kosten. Die Gründe anzuschauen schafft Klarheit, in welche Richtung auch immer.

    Wer bricht die Promotion häufiger ab?

    Das hängt mit den Promotionsbedingungen zusammen. Zwischen Fächern und Promotionsformen zeigen sich Unterschiede. Die Einbindung in Arbeitsgruppen, strukturierte Programme, die Betreuung, die Finanzierung und die verfügbare Zeit spielen dabei eine Rolle. Extern und frei Promovierende müssen viele dieser Strukturen selbst herstellen.

    Was ist die wichtigste Frage bei Abbruchgedanken?

    Was wäre anders, wenn Du morgen mit Deiner Promotion aufhörst? Fallen Dir sofort viele Erleichterungen ein, lohnt sich ein genauer Blick auf Deine Belastung. Verändert sich in Deinem Alltag kaum etwas, lohnt eine andere Frage: Welche Rolle spielt die Promotion überhaupt noch in Deinem Leben?

    Was hilft gegen den stillen Rückzug aus der Promotion?

    Austausch. Zurück ins Kolloquium, regelmäßige Verabredungen mit ein oder zwei anderen Promovierenden, eine Schreibgruppe, verbindlichere Gespräche mit der Betreuung oder eine Tagung. Wer extern oder berufsbegleitend promoviert, plant diesen Austausch am besten als festen Termin ein, genau wie das Schreiben.

    Dieser Beitrag richtet sich an Promovierende, die über einen Abbruch nachdenken oder in einer Stagnationsphase stecken. Ebenso an Promotionsbetreuende und Koordinator*innen, die Promovierende in solchen Phasen begleiten.*