Viele Promovierende gehören der „ersten Generation Promotion“ an. Sie sind nicht nur die ersten der Familie die studieren, sondern auch die ersten, die promovieren. Welche Unterstützung benötigen sie, benötigen sie besondere Unterstützung und was können Promotionsbetreuende tun, um die Zielgruppe „erste Generation Promotion“ zu unterstützen?
Darüber habe ich mit Dr. Ann-Kristin Kolwes gesprochen. Sie ist Projektkoordinatorin des Programms erste Generation Promotion Mentoring+an der Universität zu Köln  und Gündungsmitglied des gemeinnützigen Vereins „Erste Generation Promotion“.

Der folgende Text ist die stark gekürzte und bearbeitete Fassung unseres Gesprächs im Podcast

Promotionsbetreuung: Erste-Generation-Promotion

Jutta Wergen: Viele Promotionsbetreuende wissen, dass es eine Gruppe von Promovierenden gibt, die in der Promotion besondere Unterstützung benötigen. Und ich wollte einfach mal jetzt mit ihnen überlegen Was können Betreuende tun, um die zu unterstützen?

Über Promotionsbetreuung sprechen

Ann-Kristin Kolwes: Darüber nachdenken und darüber sprechen wäre das Erste. Meiner Erfahrung nach wird in einem Promotionsprozess, in einem Betreuungsverhältnis immer noch sehr wenig darüber gesprochen, was eine Betreuung in einer Promotion eigentlich bedeutet und was beide Seiten darunter verstehen. Also was bedeutet denn Betreuer, Betreuerin? Was fasse ich darunter? Wie sollte dieses Verhältnis eigentlich aussehen?

Jutta Wergen: Stimmt, als „erste Generation Promotion“ fand ich das eine Ehre, dass mich jemand betreut hat. Also so, dass jemand sagt“: „Ja, ich betreue Deine Dissertation“. Ich war so ein bisschen stolz drauf und ehrfürchtig natürlich.

Ann-Kristin Kolwes: Diese Ehrfurcht ist tatsächlich bei der „ersten Generation Promotion“ noch mal ein bisschen größer. Ich will das aber auch nicht pauschalisieren, weil erste Generation zu sein heißt nicht pauschal, dass man A, B und C erlebt hat, sondern es ist sehr unterschiedlich. Aber das was ich wahrnehme, ist eben genau diese Ehrfurcht. Und deshalb ist Ehrfurcht genau das richtige Wort, weil man diese Promotionsbetreuung auch ein bisschen auf so einen Sockel stellt, weil man eben auch weiß, dass so viel von ihr abhängt.
Und auf der anderen Seite ist das eben auch eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen zwei Leuten, die sehr, sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, wie Betreuung aussieht. Und wenn man nie darüber redet, dann kann einfach unglaublich viel daran haken, dass man nicht dieselben Vorstellungen davon hat, wie die Betreuung aussieht. Und gerade wenn dann dieser Aspekt von Ehrfurcht hinzukommt, dann spricht man eben auch nicht darüber, sondern dann ist man ganz häufig einfach immer enttäuscht.

Jutta Wergen: Ja, und ich habe gerade gedacht, dass die Promotionsbetreuenden diese Ehrfurcht gar nicht merken können, denn sie sind von ihrer eigenen Promotion, bei der sie diese Erfahrung vielleicht auch gemacht haben, schon weit entfernt. Vielleicht würde das helfen, sich noch mal an seine eigene Anfangsphase des Promovierende zu erinnern, um zu gucken, was hätte ich da gebraucht als Promotionsbetreuung, um gut reinzukommen.

 Reflexion über die Bedarfe im Promotionsprozess

Ann-Kristin Kolwes: Es gehört nicht nur dazu, darüber zu sprechen, sondern beide Seiten müssen darüber reflektieren, was sie brauchen und was sie geben können, damit man da eben nicht von falschen Erwartungen ausgeht. Also z. B. sollten Betreuende sich darüber im Klaren sein, wie sie betreuen. Wann sind sie ansprechbar, über welche Kanäle sind sie ansprechbar? Wie häufig sehe ich meinen Promovierenden?

Jutta Wergen: Denken Sie, dass Promotionsbetreuende ihre Betreuung von der Geschichte der Promovierenden abhängig machen sollten?

Ann-Kristin Kolwes: Soziale Herkunft ist nicht immer sichtbar. Und es kann eine Promotionsbeziehung belasten, wenn die Promotionsbetreuung das anspricht. Promovierende wünschen sich ja, dass das Gegenüber, der Betreuende die Betreuerin einfach ein sehr gutes Bild von einem hat.

Jutta Wergen: Ich hätte den Teufel getan, zu kommunizieren, wo ich herkomme. Also nicht, weil ich mich geschämt hätte oder so. Sondern weil ich gedacht hätte, wenn ich jetzt sage, meine Eltern waren arbeitslos, jemand auf die Idee kommen würde, dass ich da nicht hingehöre.

Ann-Kristin Kolwes: Ich kann durchaus echt problematisch sein. Ich weiß von Personen, die denen gesagt wurde, sie hätten den akademischen Habitus nicht. Dass es im negativen Sinne, nicht im positiven Sinne. Darum sollte man das Thema, wenn man betreut, es einfach im Hinterkopf haben und überlegen, ob es so. Ist nun also eine Sache z. B. ist der Zugang zu informellen Wissen oder ich nenne es immer informelles Wissen, also all das, was man nicht in einer Promotionsordnung nachlesen kann. Das betrifft all das, was zum Thema Promotion nicht auf Internetseiten steht. Beispielsweise auch zu wissenschaftlichen Tagungen, zu wissenschaftlichen Publikationen. Und man sollte dieses informelle Wissen immer versuchen zu teilen, sich von vornherein auch einfach mal die Zeit zu nehmen, eine halbe Stunde darüber zu sprechen mit seinen Promovierenden, beispielsweise wie die Veröffentlichung von Artikeln passiert in der wissenschaftlichen Community. Oder, Was lohnt sich, was lohnt sich nicht und wie? Wie gehe ich da am besten vor?

Jutta Wergen: Ich habe gerade überlegt, dasss das ja nicht nur die „Erste Generation Promotion“ betrifft. Aber sprechen wir doch erst mal davon, wer das eigentlich ist.

Ann-Kristin Kolwes: 2014 hat sich ein gemeinnütziger Verein gegründet. Wir sprechen aber nicht nur Personen an, die jetzt als erste in ihrer Familie promovieren, sondern die aus einem nicht akademischen Elternhaus kommen. Insgesamt also, die einfach kein Elternteil einen Hochschulabschluss hat und die dann eben noch in ihrer Familie, die ersten sind, die promovieren, also nicht nur die Hochschule durchlaufen haben, sondern dann auch noch diesen letzten Schritt machen wollen in Richtung wissenschaftliche Karriere. Das ist häufig auch schon „erste Generation Abitur“.

Zugang zu „informellem“ Wissen ermöglichen

Jutta Wergen: Ich verstehe das so, dass der Zugang zu informellen Wissen nicht vorhanden ist, wenn meine Eltern nicht promoviert sind. Dann also verfüge ich über bestimmte Dinge nicht.
Ann-Kristin Kolwes: Im Grunde ist es die erste Generation. Das kann jemand sein, der aus einem Elternhaus kommt, in dem zum Beispiel niemand einen Berufsabschluss hat. Überhaupt und aus einem sozialen Brennpunkt. Es kann aber eben auch jemand sein, der aus einem gut laufenden Handwerksbetrieb kommt mit.
Es geht also um die Zielgruppe, die zum Teil schlechter vernetzt sind, weil sie sich weniger häufig fragen. Aber das heißt natürlich nicht, dass jemand, der zum Beispiel in den Naturwissenschaften promoviert und Eltern hat wie in den Geisteswissenschaften, irgendwann studiert haben, dass die jetzt zu Hause jemanden haben, der einem jede Kleinigkeit erzählen kann. Wenn man das informelle Wissen zugänglicher machen würde, dann würde man der Zielgruppe helfen, ohne dass man weiß, ob sie tatsächlich zur Zielgruppe gehören oder nicht. Dann wären sie nicht stigmatisiert. Auch die Frage ob nicht akademisch oder akademisch würde wegfallen, weil die Informationen allen frei zugänglich sind. Und damit würde man diese Hürde abbauen.

Jutta Wergen: Ich könnte mir vorstellen, dass manche Promotionsbetreuung in einem gewissen Rahmen auch über den Hintergrund der Promovierenden Bescheid weiß. Aber, was können Promotionsbetreuende tun, um Promovierende zu unterstützen, insbesondere Promovierende der „ersten Generation Promotion“?

Ann-Kristin Kolwes: Vielleicht kann man es so sagen, weil ich denke, Transparenz in der Betreuungsbeziehung ist für alle interessant. Aber es wäre auch gut, sich zu erinnern, dass es auch Leute sind, die nicht über das sogenannte informelle Wissen verfügen.

Jutta Wergen: Beispielsweise wie man ein Exposé für die Promotion verfasst. Das wusste ich nicht und es war Glück, dass meine Promotionsbetreuerin mich trotzdem genommen hat.

Neuralgische Punkte identifizieren

Ann-Kristin Kolwes: Ja, das Exposé ist ein neuralgischer Punkt. Oder wenn es um Bewerbungen für Stipendien geht oder bei Graduiertenschulen. Ein Exposé folgt gewissen wissenschaftlichen Regeln, also sei es der Aufbau, sei es die Länge. Also ja, sehr, sehr formale Regeln in jedem Fach, in jedem Fach noch mal anders sind. Und wenn man die nicht erfüllt, dann wird man mit seinem Exposé aussortiert. Wenn ich an eine Stiftung ein Exposé schicke und das hat nicht die richtige Reihenfolge der Inhalte, auch dann bin ich raus damit. 
Und im Verein „erste Generation Promotion“ bieten wir immer einen Exposé Workshop an, kostenlos oder eben auch ganz häufig in unserer Beratung. Und wir geben wir dann zum Beispiel auch einfach mal unser Exposé weiter, damit man eine Idee davon bekommt.

Jutta Wergen: Ich glaube, deswegen habe ich auch das Buch Promotionsvorbereitung und Exposé geschrieben. Und mit meinem eigenen Promotionsexposé scheine ich wirklich Glück gehabt zu haben. Und im Nachhinein gab es wahrscheinlich einige Gelegenheiten, bei denen ich hätte rausfallen können aus dieser Promotionsgeschichte, aber das mit dem Exposé war der erste und der wichtigste. Weil sonst wäre es da einfach nicht weitergegangen, wenn meine Promotionsbetreuerin gesagt hätte, dass das kein Exposé war, was ich eingereicht habe.

Ann-Kristin Kolwes: Wenn man promoviert, gibt es einfach so bestimmte Informationen, die einem das Leben leichter machen, beispielsweise auch, wenn es um eine wissenschaftliche Karriere geht.

Jutta Wergen: Ich frage mich aber auch, wer eigentlich zuständig ist für die Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung in der Promotion. Sind es wirklich die Betreuenden?

Ann-Kristin Kolwes: Tatsächlich glaube ich, dass wir sehr davon profitieren würden, wenn wir diese verschiedenen Zuständigkeiten auseinander klammern würden oder zumindest klarmachen, wer für was zuständig ist.
Wenn man jemanden hat, bei dem man vielleicht sogar noch angestellt ist, der nicht nur das Projekt begutachtet, sondern auch noch die ganze Arbeit, die man drumherum macht, wenn man nämlich dort am Lehrstuhl angestellt ist.
Solange wir immer noch von Doktorvätern und Doktormüttern sprechen, ist es doch irgendwie überhaupt kein Wunder, dass wir glauben, dass diese Menschen auch für alle anderen Belange irgendwie zuständig sind oder auch für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Alleine der Begriff Doktorvater und Doktormutter projiziert meiner Meinung nach so unglaublich viel in dieses Verhältnis hinein.
Und im skandinavischen Raum und eigentlich fast in allen anderen europäischen Ländern ist es so, dass zum Beispiel Betreuung und Bewertung voneinander getrennt sind. Und in meinen Augen macht das auch Sinn. Man schreibt dann eben nicht seine Arbeit für jemand anders, weil man weiß, wird er sie nachher bewertet. Man schreibt dann wirklich sein eigenes Produkt und das Bewerten macht nachher unabhängige Personen.

Jutta Wergen: Bis Betreuung und Bewertung hier getrennt werden, ist das ein weiter Weg.

Ann-Kristin Kolwes: Es würde helfen. Da sind wir dann wieder bei dieser Frage von gegenseitigen Erwartungen und dem, was man mitbringen kann.

Jutta Wergen: Vielleicht sollten Promotionsbetreuende und Promovierende eine Checkliste haben, oder einen Leitfaden für gemeinsame Vereinbarungen haben. Das könnte man auch im Rahmen der Promotionsvereinbarung machen. Und das müsste man im Verlauf des Promotionsprozesses öfter machen, denn sie wissen vielleicht am Anfang noch gar nicht genau, was sie brauchen und wohin sich das Promotionsprojekt entwickelt. Das wäre schön, wenn man so bei den Feedback-Gesprächen in der Promotion beiderseitig noch regelmäßig über die Gestaltung des Betreuungsverhältnisses sprechen könnte.

Ann-Kristin Kolwes: Das kann schwierig sein, wenn man abhängig von der Betreuungsperson ist. Also wie sage ich denen dann, dass es nicht rund läuft, weil ich nicht zufrieden bin, wenn ich nachher dann von der Person eine Note bekomme? Abhilfe schaffen hier Graduierteneinrichtungen, die den Austausch durch Betreuerteams institutionalisieren.
Aber zu den Checklisten: Wie erklärt man einen Professor oder Professorin, die vielleicht seit 20 Jahren Promovierende betreut, dass die bitte eine Checkliste machen sollen und da vielleicht noch mal andere Sachen abfragen oder so.

Jutta Wergen: Bei einem Betreuerteam hat man ja manchmal noch mehr Leute, denen man gerecht werden muss, fachlich und inhaltlich. Ich finde der Ausdruck Supervision ganz gut. Betreuung ist auch ein komischer Ausdruck für eine Promotion von erwachsenen Leuten. Es wäre besser, wenn es Supervision heißen würde. Also eine Supervision, die das Fachliche spiegelt und vielleicht Wege aufzeigt. Und eine Supervision der Karriereplanung, der ganzen Veränderungen, die sich auch für Promovierende ergeben.

Ann-Kristin Kolwes: Dieser Punkt von wo gehe ich eigentlich auch hin mit meinen Fragen und welche Fragen adressiert ich? Wo und was gehört wohin? Das ist entscheidend. Und die Antwort auf die Frage, wo promovierende hingehen können, wenn etwas nicht gut läuft. 
Also, wenn dieses Betreuungsverhältnis vielleicht nicht so rund läuft, mit wem spreche ich darüber? Das ist dann wiederum glaube ich, die andere Seite, da auch sehr offen zu kommunizieren z. B. von Betreuenden, dass eine Promotion auch ein Prozess ist, in dem es immer Krisen geben kann und dass das keine Schande ist und dass das ebenso der gemeinsame Wunsch ist, da wieder rauszukommen, wenn man es an den Punkt gekommen ist. 

Jutta Wergen: Das heißt nicht nur auf das Fachliche fokussieren, sondern auch das Drumherum. Ich glaube, das könnte wirklich eine Lösung sein, da mehrere Personen einzubeziehen. In Afrika sagt man, man braucht ein ganzes Dorf, ein Kind großzuziehen. Und vielleicht braucht man auch ein ganzes Dorf, um eine Promotion fertig zu bekommen. Und das ist vielleicht die Promotionsbetreuung ein Teil von. Und da braucht man vielleicht auch noch mal ganz andere Betreuung. Die, die sich einsetzt oder kümmert oder reflektiert, wie Promovierende sich in den verschiedenen Phasen entwickeln.

Ann-Kristin Kolwes: Ja. Und: Promovierende zu betreuen ist Kernaufgabe des Geschäftes von Professoren. Promovierende sind keine Bittsteller. Natürlich ist man da viel Wohlwollen drin und eine Promotionsbetreuung kostet Zeit. Es ist auch eine Win-win-Situation der Profs. Es gehört zu den Aufgaben einer Professur, den wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden, und dazu gehört eben auch Betreuung. 
Wenn man sich anguckt, dass Betreuung einen eigentlich einer der Schlüsselbausteine dazu ist, dass Promotionen erfolgreich abgeschlossen werden, dann ist es eigentlich auch im Interesse von Betreuenden, dass Betreuung ein gutes Verhältnis ist und dass man sich darüber klar geworden ist und dass das gut funktioniert, damit die Leute eben auch zeitnah abschließen weitergehen können.

Jutta Wergen: Es wäre schön, wenn Promovierende wüssten, wir Betreuende von der Promotion profitieren. Beispielsweise könnte man in die Richtung von Erkenntnisinteresse an bestimmten Forschungsergebnissen denken. Promovierenden machen einen Großteil der Forschung. 
Und es gibt auch Professorinnen und Progessoren, die Menschen fördern möchten. Auch das könnte ein Motiv sein. Und vielleicht können sich ja Betreuende einfach erst mal klarmachen, was eigentlich die eigenen Motive sind?

Ann-Kristin Kolwes: Ja, und schön ist es, wenn die Betreuung auf die Ergebnisse wartet. Meine Betreuerin hat mir mal gesagt, dass sie meine Ergebnisse ausgesprochen interessant findet und dass sie gespannt ist. Und es hat mich schon auch motiviert, weil ich so dachte Ach ja, wenn sie das interessant findet, die kennt sich ja aus, dann ist das bestimmt auch interessant. Dann muss das ja was Gutes sein. Und das ist dieser Aspekt, dass beide Seiten was davon haben oder auch die Hochschule, die Reputation, wenn viele Promovierende erfolgreich abschließen. Und weil die Hochschule etwas davon hat, hat sie die Verpflichtung, ein System zu schaffen, Promovierende gut zu betreuen.

(…)

Jutta Wergen: Wir sprachen gerade über informelles Wissen und Promotionskolloquium.

Ann-Kristin Kolwes: Informelles Wissen ist wichtig, um zu wissen, wie ein Kolloquium läuft. Es ist gut, wenn mich jemand darauf vorbereitet. Ich glaube, wir haben alle diese Kolloquien gesehen, wo man wirklich nur gedacht hat, dass man Glück hat und nicht vorne sitzt. 
Da muss man auch seine eigene Haltung finden. Man muss dann nicht die gleiche Haltung entwickeln wie der eigene Betreuer, die eigene Betreuerin. Darum geht es nicht. Aber die für sich selber zu entwickeln, das finde ich ein wichtiger Schritt zu wissen, dass man das darf.

Jutta Wergen: Wollen wir zum Schluss noch mal kurz zusammenzutragen, was wir alles an ganz wichtigen Sachen gesagt haben.

Also die „erste Generation Promotion“ sind Promovierende, die vorher noch keinen Zugang zu einem bestimmten Teil akademischen Wissen hatten?

Ann-Kristin Kolwes: Ja, das sind Promovierende, die aus einem Elternhaus kommen, in dem noch niemand einen Hochschulabschluss hat.

Jutta Wergen: Gute Promotionsbetreuung bedeutet nicht nur für diese Gruppe, aber besonders für die die Vereinbarung und Transparenz von Rahmenbedingungen. Das betrifft Angebot und Wünsche von beiden Seiten. Und zusätzlich sollten Betreuende aber auf dem Schirm haben, dass diejenigen, die aus der „ersten Generation“ kommen nicht wissen können, dass man über so was sprechen darf. Das bedeutet, dass Promotionsbetreuende da den ersten Schritt machen sollten.

Ann-Kristin Kolwes: Ich glaube, da gibt es noch mal diesen Schritt vorher, zu wissen, dass ich das selber gestalten kann mit, dass ich mir auch Dinge wünschen kann, das überhaupt anzuregen und dann darüber ins Gespräch zu kommen. Besonders, wenn ich eine sehr abstrakte Vorstellung davon habe, was Betreuung überhaupt ist.

Jutta Wergen: Also Erwartungen und Angebote klären, Rahmenbedingungen des Promotionsprozesses, der Promotionsbetreuung vereinbaren. Und: Neuralgische Punkte definieren, beispielsweise Exposé, Publizieren, Vorträge, Konferenzbesuche und da gibts sicher noch mehr, das ist wahrscheinlich auch fachabhängig. Das sollten die Promotionsbetreuenden vielleicht noch mal prüfen. Ein neuralgischer Punkt ist bestimmt auch das Kolloquium, oder?

Ann-Kristin Kolwes: Promotionsbetreuende sollten sensibel dafür sein, was Promovierende in dieser Phase vielleicht zum ersten Mal machen. Und nicht warten, bis die Promovierenden die Fragen stellen, sondern aktiv auf diese zugehen.

Beispielsweise vor dem ersten Kolloquium erklären, wie ein Kolloquium abläuft und das dann mit den promovierenden mal durchgehen und vielleicht sogar mit den Promovierenden durchgehen. Und da muss man dann auch gar nicht wissen, welchen Hintergrund jemand hat. Davon profitieren wir eben alle.

Jutta Wergen: Und vielleicht sollten Promotionsbetreuende noch wissen, dass diejenigen, die in der „ersten Generation“ promovieren, sich möglicherweise in einem Umfeld befinden, in dem es auch nicht normal ist, zu promovieren. In dem sie sich für ihre Entscheidung rechtfertigen müssen, dass sie promovieren und nicht schon Geld verdienen, dass sie vielleicht da auch Außenseiter ihrer Familie werden.

Ann-Kristin Kolwes: Also Promovieren in der „ersten Generation“ nehmen das ganz häufig nicht für selbstverständlich, dass sie da sind, wo sie jetzt gerade sind, nämlich in einer Promotion. Und da hilft es, wenn jemand anders einem sagt, dass man genau da richtig ist, wo man gerade ist.

Jutta Wergen: Vielleicht sollten Betreuende wissen, dass Leute in solchen Situationen leben, fühlen, arbeiten und dass das auch ein Teil ihrer Energie einnimmt.

Ann-Kristin Kolwes: Und zu diesem Punkt Geld, das ist auch gut eigentlich, da auch noch mal die Kraft zu haben. Wenn man zum Beispiel Gelder hat, die man auch für seine Promovierenden einsetzt, die vielleicht auch einfach mal zu einer Konferenz zu schicken, die wichtig sein könnte, wo man aber nicht Vorträge ist, hält man das dann selber bezahlen. 
Und ich glaube, man braucht dieses Selbstverständnis als Promotionsbetreuung, dass man eine Schlüsselperson für diese Promotion ist. Und das ist eine große Verantwortung. 
Aber ich glaube, im Positiven wie im Negativen sollte man sich dessen bewusst sein, dass das eine große Verantwortung ist und dass man da wahnsinnig viel Einfluss drauf hat.

Jutta Wergen: vielen Dank für dieses tolle Schlusswort. Ich bedanke mich für das Gespräch und hoffe, dass wir demnächst noch mal irgendwie noch noch mal und noch mal sprechen können.

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