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Die Währung des Fortschritts der Promotion sind geschriebene Seiten. Nicht!

Es geht immer darum, wie viel man geschrieben hat, wie man besser und schneller schreibt, wie man den Arbeitstag besser nutzt und sich noch mehr optimiert. Leider habe ich noch nie Promovierende getroffen, die von sich behaupten würden, im Plan zu sein, weit genug zu sein, genug zu schreiben und zu tun. Alle sind gefühlt noch lange nicht so weit, wie sie sein wollten, oder sein sollten.

Promovieren = fürs Leben lernen

Dabei ist eine Promotion so viel mehr als sich in Seiten der Dissertation messen lässt. Im Promotionsalltag ist schnell mal vergessen, dass die Promotion auch außerhalb der Dissertation ein großes Lernfeld ist. In diesem wird quasi nebenbei auch eine (Forscher*innen-) Persönlichkeit entwickelt. Darüber hinaus lernen Promovierende alles, was für das Überleben in der Wissenschaft wichtig ist.
 Nur leider wird vieles außerhalb des Schreibens im Promotionsprozess nicht als eigene Leistung, eigenes Lernen und Erfolg wahrgenommen. Geschriebene Seiten kann man subjektiv einfach besser zählen als erworbene Kompetenzen, die für die Promotion allerdings auch nicht näher definiert sind.

Zähl nicht immer nur die Seiten …

Meistens werden die eigenen Fortschritte jenseits der geschriebenen Seiten von vielen Promovierenden nicht wahrgenommen. Wahrscheinlich deshalb, weil letztendlich zählt, ob die Dissertation eingereicht ist oder nicht. Und außerdem beginnen wenige Promovierende eine Promotion weil sie Vermittlungs- oder Kommunikationskompetenzen erwerben wollen, oder besser planen, delegieren und besser mit Konflikten umgehen wollen. Meistens steht das Thema im Fokus und ganz selten, das was man sonst noch so lernt.

Herausforderungen bestehen heißt Lernen

Herausforderungen der Promotion, kleinere und größere Krisen ergeben sich im Laufe der Promotionsphase quasi von selbst. Das führt dazu, dass die eigene Wahrnehmung oft auf die eigenen Defizite gerichtet ist. Nicht selten ergibt sich dann, dass Promovierende sagen „ich müsste eigentlich schon viel weiter sein“ und „ich komme nicht voran, wie ich es geplant habe“. Die meisten Promovierenden kennen wohl das schlechte Gewissen, das sich einstellt, wenn es mal nicht so gut läuft und es meistens einen erheblichen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hat. Die Verwobenheit, das Verschwinden von Grenzen und Identität zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen dem ich und der Promotion, die hohe Identifikation mit der eigenen Dissertation, führen mit der Zeit nicht nur zu einem hohen Verlust der Motivation, sie verringern auch das Selbstwertgefühl, die Selbstwirksamkeit. Und nicht selten festigen sich diese nicht-förderlichen Gedanken zu einem Muster, das weitere Defizit-Gedanken mit sich bringt.

Den Blick auf die Kompetenzen richten

Welche Kompetenzen erwerben Promovierende denn in der Promotionsphase? Hier nur ein kleiner Ausschnitt, in vielen Fällen sind es noch reichlich mehr.

Fachliche und methodische Kompetenzen

Logischerweise kommt man gar nicht darum herum, während der eigenen Forschung fachliche Kompetenzen zu erwerben. Das betrifft alle fachlichen Inhalte, die während des Schreibens der Dissertation erlernt werden. Der aktuelle Forschungsstand muss nicht nur dargestellt und analytisch auseinandergenommen, sondern idealerweise auch während der gesamten Promotionszeit verfolgt und aktualisiert werden. Außerdem verändert er sich während des Promotionsprozesses. Daten, Theorien, vorhandene Forschungen werden analysiert, Methoden genutzt und entwickelt, Theorien geprüft. Je nach Fach wird unterschiedliches Material produziert, Technik bedient und entwickelt.

Geld besorgen – Drittmittel

Aber nicht nur fachliche Inhalte gehören dazu, sondern auch die Expertise, dafür wie Fördergelder beantragt werden, welche fördert Töpfe infrage kommen, was beim Verfassen eines Antrags berücksichtigt werden muss. Meistens kommt der Teil, Drittmittel zu beantragen erst nach der Promotion, dennoch kommen viele Promovierende schon mit diesem Thema in Kontakt. Manche sind vielleicht sogar in Antragstellung verfahren involviert und lernen so, worauf sie bei Drittmittelanträgen achten müssen. Nicht zu vergessen ist hier, dass die Finanzierung der Promotion an sich bereis eine Kompetenz ist. Ob es darum geht, ein Stipendium zu beantragen oder sonstige Geldquellen für die Existenzsicherung oder die Finanzierung der Forschung zu besorgen

Hochschuldidaktik – lehren -vermitteln

Viele Promovierende die in der Lehre aktiv sind, lernen hochschuldidaktische Grundlagen kennen. Am besten lernen Sie dies, wenn die Hochschuldidaktische Veranstaltungen besuchen bzw. wenn sie ein hochschuldidaktisches Zertifikat erwerben. Sie lernen, wie lernen funktioniert, wie unterschiedliche Lehrveranstaltungsformate funktionieren, sie lernen Vermittlungsmethoden kennen und anzuwenden.

Verwaltung

Administration und Verwaltung von Zahlen oder Materialien macht manchen Menschen Spaß, für andere ist es ein lästiges Übel. Dennoch lernen Promovierende während ihrer Promotionszeit sehr viel darüber. Sie lernen nicht nur die Verwaltung von Lehrveranstaltungen, Projektgeldern, Software oder Schlüsseln für Räume, sie lernen peu à peu auch viel darüber, wie das System Hochschule funktioniert.

Selbstverwaltung und akademische Selbstverwaltung

Selbstverwaltung in der Promotion ist ein großes Lernfeld. Meistens bezieht sich diese Selbstverwaltung auf die Organisation der eigenen Promotion alltags, der Umgang mit Herausforderungen und Motivation. Auch wenn es einem lange vorkommt, als käme man nicht voran, ist es doch so, dass sich die Promotion stetig entwickelt.

Die akademische Selbstverwaltung, also die Mitarbeit in Gremien der Hochschule kann ein Lernfeld für alle wissenschaftlichen Mitarbeitenden sein. Die Mitarbeit im Mittelbau, beispielsweise als Mittelbauvertreter*in, die Besetzung von Kommissionen, beispielsweise Berufungskommissionen, dem Fakultätsrat oder anderen Gremien der Hochschule ist ein weites Lernfeld der Hochschulkommunikation. Es bietet sich besonders für diejenigen an, die eine Berufstätigkeit in der Wissenschaft nicht ausschließen.

Wissenschaftssprache und wissenschaftliches Schreiben

Ebenfalls wird gelernt, welche Wissenschaftssprache in dem jeweiligen Fach benutzt wird und wie in dem Fach geschrieben wird. Welche Texte kommen üblicherweise vor und wie werden sie aufgebaut?

Selbstständigkeit

Eine wichtige Kompetenz für Promovierte ist das selbstständige Arbeiten und das eigenständige Lösen von Problemen – meist sogar von solchen, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

Verantwortung

Die Verantwortung, nicht nur dafür, ein valides Forschungsprojekt durchzuführen, mit sensiblen Daten umzugehen, Technik zu bedienen, Technik zu entwickeln, Material zu produzieren, sondern auch die Verwaltung von Sach- und Finanzmitteln, möglicherweise auch bereits das anleiten von Personen, zum Beispiel Studierenden, ist e etwas, dass Promovierende bereits in der Promotionsphase lernen. Sicherheit ist hier ein wichtiger Begriff, beispielsweise wenn es um Datensicherheit geht oder Sicherheit in der Forschung.

Vermittlungskompetenz

Die Vermittlungskompetenz ist ein großes Thema. Dabei geht es darum auf Vorträgen in der Wissenschaft, in Lehrveranstaltungen aber auch bei Veranstaltungen außerhalb der Wissenschaft, die Inhalte der eigenen Forschung oder größeren Forschungsprojekten darzustellen, sodass andere diese auf ihrem jeweiligen Niveau verstehen.

Zuhören und verarbeiten oder zuhören und weitergeben ist etwas, was während der Promotion wichtig werden kann. In der Öffentlichkeit sprechen, im Kolloquium etwas vorzustellen, die eigenen Argumente zu schärfen und zu kommunizieren gehören zu diesem Lernfeld dazu

Soziale Kompetenz und Kommunikation

In der Promotion wird unter anderem gelernt, wie man plant, delegiert, kontrolliert, analysiert und optimiert. Ebenfalls gelernt wird, wie man mit anderen zusammenarbeitet und trotzdem das eigene Ziel verfolgt. Das gilt auch für die Kommunikation im Team, mit der Promotionsbetreuung und sogar im privaten Bereich. Führungskompetenzen, Verhandlungskompetenzen und der Umgang mit und in Teams werden erworben.

Die Kommunikation während der Promotionsphase ist immens wichtig. Das gilt für Absprachen zwischen Forschenden, in Projekten und meist besonders mit der Promotionsbetreuung. Dabei geht es darum klar und offen zu kommunizieren und zu argumentieren, sodass eigene Ziele erreicht werden können. Geduld, Überzeugungskraft, Offenheit, wertschätzendes und unterstützen das Verhalten werden hierbei gelernt.

Networking

Eine Promotion lässt sich ohne den Austausch mit anderen Promovierenden viel schlechter bewerkstelligen. Das gilt nicht nur für den Austausch zwischen Promovierenden eines Faches, sondern auch interdisziplinären Austausch, um von anderen für das eigene Vorankommen zu profitieren.

Networking ist wichtig, wenn man im Forschungsfeld wahrgenommen werden möchte und Optionen auf eine spätere Berufstätigkeit in oder außerhalb der Wissenschaft entwickeln möchte. Auch für die eigene Forschung ist es von Vorteil, über das eigene Forschungsfeld hinaus vernetzt zu sein, um beispielsweise von Erkenntnissen zu profitieren, auch um weitere, neue Erkenntnisse zu generieren.

Social-Media

Social-Media-Kompetenz ist etwas, was vor einigen Jahren noch gar nicht zu Promotionsphase gehörte. Mittlerweile twittern oder bloggen viele Wissenschaftler. Wo früher eine Webseite und eine Visitenkarte reichte, muss es heute eine Plattform sein, auf der Forschende sich adäquat selbst präsentieren, ein Twitter- oder Instagram-Account.

Publikationskompetenz

Publizieren lernen nicht nur für jene, die kumulativ promovieren. Publikationsmöglichkeiten haben nicht nur aufgrund digitaler Publikationsvielfalt, wie Open-Access-Artikel und Online-Magazinen, Blogs und Webseiten zugenommen. Hier verfügen Promovierende über viele Skills, die zunächst einmal gar nicht selbstverständlich sind.

Apps und Tool-Kompetenz

Karteikarten, Mikrofiches und Excel-Listen sind glücklicherweise ersetzt worden. Projektmanagement-Tools wie Trello oder Evernote und zahlreiche Literaturverwaltungsprogramme sogen dafür dass viel Material und viele Daten verarbeitet werden können. Neben der Anforderung, die Nutzung der Tools zu erlernen besteht nun die Anforderung, stets auf dem Laufenden zu sein und diese Tools zu kennen. Die höchste Stufe der Kompetenz wird aber wahrscheinlich sein, zu entscheiden, welche Tools nützlich sind und welche nicht.

Umgang mit Zweifeln

Zweifel am und Krisen im Promotionsprojekt und an sich selbst sind stetige Begleiter es Promovierens. Viele Promovierende leben jahrelang damit. Sie tragen die Angst, nicht gut genug zu sein, zu wenig oder zu banale Ergebnisse zu produzieren oder niemals fertig zu werden mit sich herum.

Umgang mit Energie

Natürlich ist während der Promotion der Umgang mit externen Ressourcen ein wichtiges Feld. Gemeint ist hier aber auch der Umgang mit sich selbst mit körperlichen und geistigen Ressourcen. Schließlich ist die Promotion kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Wer das Ziel erreichen möchte, muss zwischendurch lernen, die eigenen Kräfte einzuteilen.

Mache Dir hin und wieder bewusst, was du eigentlich kannst. Die meisten Promovierenden zweifeln zu sehr an sich selbst und vergeuden damit ihre kostbare Zeit. Promovierende, die an sich glauben, sind motivierter und kommen schneller voran. Glaub an Dich!

 

 

Dr. Jutta Wergen

Wissenschafts -Coach, Schreibtrainerin, Schreibcoach für wissenschaftliches Schreiben, Sozialwissenschaftlerin, Autorin, Trainerin im Hochschulkontext, Hochschuldidaktische Multiplikatorin, Nachwuchsförderung und -forschung. Workshops, Einzelcoachings, Moderationen, Konzeptionierungen und immer bereit für neue Ideen!

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