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Die Situation des „Wissenschaftlichen Nachwuchses“: Prekär aber sexy?

Der dritte „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ (BuWiN) ist im Februar 2017 erschienen: Die Zahl der Promovierenden und Promovierten steigt stetig, die Arbeitsbedingen sind und bleiben prekär, aber dennoch sind viele Promovierende und Promovierte zufrieden.
Zahlreiche Forscher und Forscherinnen arbeiten an dem regelmäßig erscheinenden Bericht mit, erheben und stellen Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland vor. Um Aussagen zur Situation des „Wissenschaftlichen Nachwuchses“ treffen zu können, werden unterschiedliche Datenquellen hinzugezogen. Genutzt wurden u. a. Daten des Mikrozensus 2014, des Statistischen Bundesamts, des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), sowie Daten, die in regelmäßigen Befragungen der Promovierenden erhoben werden z. B. dem Promovierendenpanel ProFile. Der BuWiN 2017 enthält sechs zentrale Themenfelder. Schwerpunktthemen sind: Planbarkeit der akademischen Karriere, Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen, Internationalisierung, Qualitätssicherung während der wissenschaftlichen Qualifizierung, Chancen Gerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere.
Der BuWiN 2017 ist übrigens der dritte Bericht, ein erster wurde 2008 veröffentlicht und ein zweiter 2013.
Was steht eigentlich drin, im „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (BuWiN 2017)?
Ich habe ihn mir mal näher angeschaut:

Die Situation des Wissenschaftlichen Nachwuchses: Die Zahlen

Zur Promotion immatrikuliert sind in Deutschland im Wintersemester 2014/2015196.200 Promovierende als Promotionsstudierende. Zum „Wissenschaftlichen Nachwuchs“ zählen im BuWin Juniorprofessor_innen und Nachwuchsgruppenleiter_innen und Habilitierte. Ebenfalls zählen zum Wissenschaftlichen Nachwuchs Professoren und Professorinnen auf Zeit. Den Verfasser*innen des berichts ist aber auch klar, dass der Begriff „Wissenschaftlicher Nachwuchs“ nicht ganz passt, denn scließlich handelt es sich um eigenständig forschende Menschen – also: Wissenschaftler*innen.

Im Bundesbericht wird festgestellt, dass sich die Gruppe der Personen, die zum wissenschaftlichen Nachwuchs gehören, steigt (Seite 7 des Kurzberichts). Die vorgestellten Zahlen im BuWiN zeigen, dass es immer noch schwierig ist, an belastbare Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses zu kommen. Das soll geändert werden und die Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses sollen künftig stärker in den Blick genommen – und aus unterschiedlichen Datenquellen zusammengeführt werden.

Generell ist es schwer, das lassen auch die Zahlen des BuWiN 2017 vermuten, Auskunft über tatsächliche Zahl der Promovierenden zu erhalten. Beispielsweise gibt es Promovierende für eine Promotion durch den Promotionsausschuss zwar zugelassen, in vielen Fällen aber nicht eingeschrieben sein müssen und andererseits sind Personen zur Promotion eingeschrieben, die ihre Promotion nicht mehr bearbeiten. Demgegenüber stehen viele Personen, die bereits promovieren und noch nicht in als Promovierende in Erscheinung getreten sind. Darum sind die Zahlen zu der tatsächlichen Anzahl der Promovierenden in Deutschland mit Vorsicht zu betrachten. Ebenfalls eine unklare Gruppe sind die „externen“ Promovierenden, die in keiner Statistik auftauchen.

Befristete Beschäftigung

Der BuWiN 2017 zeigt das was der BuWiN 2013 und 2008 bereits gezeigt haben und was allgemein bekannt ist: Der wissenschaftliche Nachwuchs ist in einem hohen Maße befristet beschäftigt. Diese befristete Beschäftigung betrifft Männer und Frauen und ist über Fächergrenzen hinweg vorhanden. Dabei belegen die Zahlen, dass die befristete Beschäftigung des wissenschaftlichen Personals generell zunimmt. Das betrifft das gesamte wissenschaftliche Personal, ob über Dritt- oder Haushaltsmittel finanziert. In den außeruniversitären Forschungseinrichtungen zeigt sich ein ähnliches Bild was den Umfang der Beschäftigung betrifft, in den Geisteswissenschaften und den anderer Wissenschaften sind etwas mehr Frauen befristet beschäftigt, in den Sozialwissenschaften sind es etwas mehr Männer.

Verdienst, Arbeitszeit, Promotionszeit

Unterschiede ergeben sich beim Verdienst der Promovierenden. Obwohl Promovierende in der Regel nicht armutsgefährdet sind, verdienen immerhin 12 % der Promovierenden weniger als andere Promovierende. Die geringer verdienenden Promovierenden finden sich meist in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern.
Nachwuchswissenschaftler*innen sind über alle Fächergruppen hinweg in Teilzeit beschäftigt, Frauen etwas mehr als Männer. An Hochschulen arbeiten beispielsweise 32 % der Nachwuchswissenschaftler, dagegen 46 % der Nachwuchswissenschaftlerinnen in Teilzeit (S.11).
Ebenfalls Ergebnis im BuWin 2017 ist, dass der größte Teil der Arbeitszeit von Promovierenden für ihre Promotion genutzt werden kann. Nach eigenen Angaben der Promovierenden werden 58 % der täglichen Arbeitsstunden für die Arbeit an der Promotion genutzt (Seite 11).

Betrachtet man diese beiden Ergebnisse gemeinsam, also der hohe Teilzeitarbeitsfaktor und die Gelegenheit, mehr als die Hälfte der Arbeitszeit an der Uni an der eigenen Dissertation zu arbeiten komme ich zu folgendem Schluss: Die Teilzeitbeschäftigten Promovierenden leisten den größten Teil ihrer Dissertation in ihrer Freizeit. Besonders problematisch wird das, wenn zum Ausgleich der Teilzeitbeschäftigung an der Universität noch eine andere Teilzeitbeschäftigung ausgeübt wird, und/oder Familien Arbeit geleistet werden muss. Logisch erscheint dann auch, dass es mehr Frauen als Männer sind, die diese besondere Leistung bringen, da Nachwuchswissenschaftlerinnen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen häufiger teilzeitbeschäftigt sind.

Zwischen 0 und mehr als 20 Promovierenden pro Promotionsbetreuer_in

Im Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs wird festgestellt, dass statistisch jede Professorin bzw. jeder Professor sechs Promovierende betreut. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Fächern. Beispielsweise werden in den Ingenieurwissenschaften durchschnittlich elf Promovierende pro Professor betreut und in den Sprach-und Kulturwissenschaften sind es fünf Promovierende. Festgestellt wurde, dass es 3500 Professorinnen und Professoren gibt, die keine Betreuungsleistungen erbringen und im Gegensatz dazu 1100 Professorinnen und Professoren die mehr als 20 Promovierende betreuen (Seite 12) diese Zahlen basieren auf Quellen des Statistischen Bundesamtes.
Nach eigenen Angaben werden über die Hälfte der Promovierenden von mehr als einer Person betreut, wobei Promovierende die in strukturierten Programm promovieren öfter durch mehr als eine Person betreut werden.
Die Zahlen des Bundesberichts für den wissenschaftlichen Nachwuchs ergeben das etwas mehr als die Hälfte der Promovierenden mit ihrer Promotionsbetreuung zufrieden sind, knapp ein Fünftel aller Promovierenden sind mit ihrer Promotionsbetreuung überhaupt nicht zufrieden.

Promotionsdauer

Die Promotionsdauer beträgt nach Schätzung des BuWiN 3,5-4,5 Jahre. Sie Zahlen wurden nach der Selbsteinschätzung von Promovierenden ermittelt.
Hier wäre es interessant zu erfahren, zu welchem Zeitpunkt die Promovierenden sich selbst eingeschätzt haben, denn erfahrungsgemäß, das zeigt meine Erfahrung aus über 15 Jahren Promotionsberatung, ist die geschätzte Promotionsdauer am Anfang der Promotion geringer, als sie dann tatsächlich ist. Außerdem ist die Promotionsdauer abhängig vom Fach und davon, was Promovierende sonst noch so zu tun haben.

Strukturierte Promotionsförderung: nur teilfinanziert und professionell

Seit dem Jahr 2000 ist die Gründung von Programmen zur Unterstützung von Promovierenden an den Universitäten angestiegen, 2009 nahm die Anzahl der Gründungen wieder ab. Für das Jahr 2015 ermittelten die Verfasser_innen das BuWiN 90 Programme an 69 Hochschulen mit Promotionsrecht.
Die Einrichtungen für Promovierende übernehmen ein breites Spektrum an Tätigkeiten und richten sich auf die gesamte Gruppe der Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen. Sie bieten Informationen, die Möglichkeit zur Vernetzung, fächerübergreifende Weiterbildungsangebote, Qualifizierung-und Karriereberatung, Coaching Mentoring und die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung von Tagungsbesuche und Auslandsreisen. Einige Programme im Bereich der Nachwuchsförderung bieten auch Stipendien für Promovierende und Postdocs.
Die meisten Programme für Nachwuchswissenschaftler innen werden evaluiert, beispielsweise durch eine „Berichterstattung an übergeordnete Leitungsinstitutionen“.
Ich vermute mit der Möglichkeit der Fachhochschule Promotionen, dass diese Gründungen von Programmen/Dachstrukturen für Promovierende wieder steigen werden, denn viele Fachhochschulen werden nun solche Programme initiieren. Beispiel Graduierteninstitut Beispiel Graduiertenzentrum TH Köln.
Interessant ist es, wenn man sich anschaut, wie diese Programme finanziert werden. Die Finanzierung erfolgt nämlich meistens aus einem Teil von Haushalts und ergänzend aus Drittmitteln. Das bedeutet, dass diese Programme auch nur so lange sicher sind, wie Drittmittel fließen.

Die Promotion im Karriereverlauf

Die Promotionsquoten der Fächer unterscheiden sich. Die Promotionsquote ergibt sich aus dem Verhältnis von Promotionen zu vier Jahre vorher erworbenen Hochschulabschlüssen, so Promovierenden in der Medizin und den Naturwissenschaften vielmehr Personen als in den Kunstwissenschaften, im Sport oder den rechts-, Wirtschafts-und Sozialwissenschaften (Seite 14).
Im Rahmen des BuWiN wurden einige Faktoren identifiziert, die die Entscheidung für eine Promotion beeinflussen: So entscheiden sich Absolventen und Absolventen, eher wenn sie jung sind für eine Promotion. Sie entscheiden sich mehr Männer als Frauen für eine Promotion und vor allem jene, die eine gute Abschlussnote vorweisen können. Personen, die bereits im Studium als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet haben, promovieren eher als ihre Kommiliton_innen.
Wichtig für die Aufnahme einer Promotion ist auch, dass die Promovierenden eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung haben, also selber davon überzeugt sind, dass sie die Kompetenzen zur Promotion auch mitbringen.
Die Mehrheit der unter 45-jährigen Promovierten verlässt die Hochschule nach der Promotion und geht in die Wirtschaft, 19 % bleiben. Das entspricht ungefähr dem, was im vorigen BuWiN (2013) bereits festgestellt wurde: 50 % der Promovierten verlässt die Hochschule direkt nach der Promotion, weitere 30 % sind 5 Jahre nach Abschluss der Promotion nicht mehr an der Hochschule.
Die Chance auf eine Professur ist höher, wenn die Habilitation zügig im Anschluss an die Promotion erfolgt bzw. die habilitierten Personen jung sind und viele Veröffentlichungen nachweisen können.
Eine von 5 habilitierten Personen erhält eine Professur (ohne Berücksichtigung der Medizin).
An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Verwaltung/Management ist in den Hochschulen ein Arbeitsbereich entstanden, der auch für Promovierte Potenzial bietet.
Dem BuWiN 2017 ist zu entnehmen, dass Nachwuchswissenschaftler*innen erst nach der Promotion international mobil sind (S. 17)und die Anzahl der ausländischen Nachwuchswissenschaftlerinnen kontinuierlich an steigt.

Das Aufgabengebiet des wissenschaftlichen Nachwuchses

Promovierende leisten einen erheblichen Teil der Lehre. Die Zahlen des BuWin belegen, dass 67 % der Promovierenden an Universitäten und 65 % der Promovierenden an Fachhochschulen Lehraufgaben leisten. Fast 1/5 der Promovierenden leistet mehr als 4 Semesterwochenstunden (S. 19). Welchen Anteil die Promovierende in der Forschung übernehmen, kann der BuWiN 2017 mangels Daten noch nicht zeigen.

Die Promotion lohnt sich im Nachhinein

Die Zahlen des BuWiN 2017 zeigen wie der BuWiN 2008 und 2013, dass Promovierte einem geringen Risiko ausgesetzt sind, arbeitslos zu werden/bleiben und unter die Armutsgrenze zu fallen. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Fächern. Es profitieren die Fächer, in denen sich die Promotion in direktes Einkommen umsetzen lässt, etwa Jurist/innen. Erfreulich ist, dass viele Promovierte angegeben haben, mit ihrer Situation zufrieden zu sein.

Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere der Nachwuchswissenschaftlerinnen

Im Fokus dieses BuWiN 2017 steht die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft. Obwohl es an den Hochschulen viele Maßnahmen gibt, die der Unterstützung von Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere dienen, nehmen Personen mit Kindern seltener eine Promotion auf. Promovierte werden dann oft auch nicht Eltern, sie sind häufiger endgültig kinderlos als jene, die nicht promoviert haben. Die geringe Planbarkeit einer akademischen Karriere ist mitverantwortlich für das Aufschieben von Kinderwünschen, die möglicherweise später zur endgültigen Kinderlosigkeit führen. Es ergibt sich die Tendenz, dass Eltern etwas zufriedener sind als kinderlose Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen. Frauen schätzen die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere negativer ein und erleben auch die Diskriminierung aufgrund von Elternschaft häufiger (Kurzbericht Seite 20).

Der BuWin 2017

Regelmäßige Erhebungen zum Wissenschaftlichen Nachwuchs sind notwendig. Darum ist der BuWin hilfreich. Er zeigt aber auch auf, dass die Gruppe des Wissenschaftlichen Nachwuchses eine unbekannte Gruppe ist. Noch viele Erhebungen und die weitere Zusammenführung der von vielen Einrichtungen erhobenen Daten zum Wissenschaftlichen Nachwuchs werden es in Zukunft besser erlauben, mehr und bessere Aussagen zur Situation des Wissenschaftlichen Nachwuchses zu machen. Daraus sollten sich dann aber auch konkrete Handlungen ergeben, die prekäre Situation des Wissenschaftlichen Nachwuchses zu verbessern.

Den Bundesbericht für den Wissenschaftlichen Nachwuchs BuWin 2017 sowie die früheren Ausgaben gibt es hier: BuWin 2017