
Mentale Last in der Promotion: Wie Du die Arbeit im Kopf verteilst
Zählt es als Arbeit, dass Du ständig an Deine Promotion denkst? An den Vertrag, der im Frühjahr ausläuft, an den Antrag bei der Ethikkommission, an das offene Kapitel oder daran, wer das Kind abholt? Für diese Arbeit im Kopf gibt es einen Namen: Mental Load, oder aber auch: mentale Last.
Was ist mentale Last?
Der Begriff kommt aus der Familienforschung. Die Soziologin Allison Daminger hat untersucht, wie Paare die Denkarbeit im Haushalt aufteilen (Daminger, 2019). Auch wenn beide nach außen gleich beteiligt sind, behält oft eine Person mehr im Kopf: die Termine, die Kleidergröße des Kindes, was als Nächstes ansteht. Daminger beschreibt vier Teile dieser Denkarbeit: vorausdenken, Möglichkeiten suchen, entscheiden und im Blick behalten.
Diese vier Teile lassen sich auf die Promotion übertragen. Gemeint ist dabei die Denkarbeit selbst. Mit der psychischen Gesundheit hängt sie eng zusammen, dazu gibt es einen eigenen Beitrag über psychische Belastungen von Promovierenden.
Wie sieht diese mentale Last in der Promotion aus?
Vorausdenken heißt merken, dass etwas ansteht. Der Vertrag läuft im Frühjahr aus, und der Verlängerungsantrag muss rechtzeitig gestellt sein. Für das Stipendium ist zu einem festen Zeitpunkt ein Arbeitsbericht oder ein Zwischengutachten fällig.
Dazu kommt, was rund um die Promotion passiert: Wann sind Herbstferien? Wann ist vorlesungsfreie Zeit, in der vielleicht niemand ansprechbar ist, und wann die wichtige Tagung?
Möglichkeiten suchen heißt, Wege zu finden, etwa für die Finanzierung eines Tagungsbesuchs, für die Zweitbetreuung oder für die passende Konferenz. Und für Probleme, die sich in der Dissertation ergeben oder aus der Situation, in der Du promovierst.
Entscheiden betrifft den Inhalt, zum Beispiel was ins Theoriekapitel gehört. Es betrifft auch alles Drumherum: Bewirbst Du Dich jetzt oder später? Nimmst Du die angebotene Stelle an, beteiligst Du Dich an einem Buchkapitel, reichst Du diesen Sommer ein?
Im Blick behalten heißt verfolgen, was läuft. Hat die Betreuung auf die Mail geantwortet? Wie weit ist die Co-Autorin mit ihrem Teil, wann ist wer erreichbar, wo stehst Du im Kapitel?
Wie viel unsichtbare Arbeit in Deiner Promotion anfällt, hängt auch davon ab, unter welchen Bedingungen Du promovierst. Am Lehrstuhl bekommst Du viele Informationen im Alltag mit: in Gesprächen, Meetings oder durch Kolleg*innen. Wenn Du berufsbegleitend promovierst, musst Du Dir vieles selbst erschließen. Und wenn Du als erste Person in Deiner Familie promovierst, kannst Du oft nicht auf Erfahrungen mit wissenschaftlichen Abläufen und dem Promotionsverfahren zurückgreifen.
Warum kostet die Arbeit im Kopf so viel Kraft?
Mentale Last ist Arbeit, auch wenn sie in keinem Zwischenbericht auftaucht. Eine Promotion dauert Jahre, und einen klaren Feierabend gibt es selten. Nach einem Arbeitstag kannst Du den Rechner zuklappen und am Montag weitermachen. Die Dissertation lässt sich nicht so einfach abgrenzen.
Du kannst Deine Arbeit weitgehend selbst einteilen. Das bedeutet aber auch, dass sie gedanklich immer wieder auftaucht. Beim Kaffee fällt Dir ein, dass Du noch Ergebnisse brauchst. Auch wenn Du tagelang nicht an der Dissertation sitzt, kann sie präsent sein, manchmal vor allem durch das schlechte Gewissen.
Vorausdenken, entscheiden, offene Fragen im Blick behalten: Vieles davon passiert nebenbei. Beim Zähneputzen, unterwegs oder kurz vor dem Einschlafen. Du sitzt dann nicht am Schreibtisch und arbeitest trotzdem an Deiner Promotion.
Dazu kommen viele Rollen gleichzeitig. Du arbeitest an der Hochschule oder im Job, bist Kolleg*in, vielleicht Elternteil, oder Du pflegst Angehörige. Und Du bist die Person, die betreut wird und nicht immer sicher ist, was von ihr erwartet wird. 100 Prozent kannst Du nur einmal vergeben.
Belastung wird nicht dadurch geringer, dass andere mehr davon haben. Manche nehmen die eigene Erschöpfung nicht ernst, weil sie ohne Kinder promovieren, ein Stipendium haben oder ihre Bedingungen im Vergleich gut erscheinen. Aber Belastungen lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Auch wenn nach außen alles gut organisiert aussieht, kann die Promotion viel Kraft kosten.
Wie kannst Du mentale Last verteilen?
Mein Vorschlag ist einfach: die Last verteilen. Nimm die vier Teile und frag Dich bei jedem, was Du abgeben kannst.
Beim Vorausdenken hilft der Kalender. Trag alle Fristen ein, auch die aus der Promotionsordnung, dazu Ferien in Schule und Kita und die vorlesungsfreie Zeit. Dann legst Du fest, wann Du Dich mit einem Thema beschäftigst. Endet Dein Vertrag im Frühjahr, reicht vielleicht ein Termin drei Monate vorher, mit Erinnerung.
Du kannst Dir auch eine feste Denkzeit in der Woche einrichten, etwa montags von 12 bis 13 Uhr für alles, was Dich belastet. Am Vertrag ändert sich wenig, wenn Du die ganze Zeit daran denkst. Etwas ändert sich, wenn sich eine Gelegenheit ergibt oder Du selbst eine schaffst.
Beim Möglichkeiten suchen geht es oft um Informationen und Menschen. Wo gibt es eine Schreibgruppe, ein Kolloquium oder eine Community? Welche Beratung bietet Dein Graduiertenzentrum an, gerade wenn Du als erste Person in Deiner Familie promovierst? Und gibt es Geld für eine studentische Hilfskraft?
Beim Entscheiden schlage ich vor, größere Fragen einem festen Termin zuzuordnen, zum Beispiel dem nächsten Betreuungsgespräch. Bis dahin sammelst Du sie auf einer Entscheidungsliste, im Forschungstagebuch, in Obsidian oder in Notion. Meiner Erfahrung nach sind viele Blockaden in der Promotion offene Entscheidungen.
Hol Dir dafür Unterstützung in der Peergroup, bei Deiner Betreuung oder im Coaching. Am Ende entscheidest Du selbst, und was im Gespräch naheliegt, prüfst Du danach noch einmal. Deshalb halte ich diesen Satz für den wichtigsten in der Promotion: „Vielen Dank, ich denke darüber nach.“
Beim Im-Blick-Behalten hilft eine feste Runde. In Fokus Promotion ist das die Wochenplanung, dazu kommen Monats- und Quartalsplanung. Checklisten zum Abhaken und ein Werkzeug für Dein Wissensmanagement helfen, den Überblick außerhalb Deines Kopfes zu behalten.
Was tun, wenn nichts mehr entlastet?
Manchmal reicht das Verteilen nicht. Du schläfst dauerhaft schlecht, lässt Dinge weg, die Dir gutgetan haben, und ziehst Dich zurück. Auch das darf sein, und dann ist es Zeit für mehr Unterstützung. Viele Hochschulen haben psychologische Beratungsstellen, oft auch für Promovierende. Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt ist eine weitere Anlaufstelle, und manchmal findet sich auch mit der Betreuung eine Lösung.
Du darfst Dir Hilfe holen. Du musst Deine Promotion nicht allein machen. Je früher Du in einer schwierigen Situation aktiv wirst, desto weniger Zeit verbringst Du oft mit Grübeln und damit, Dich schlecht zu fühlen.
Ressourcen und Links
- Podcastfolge 325: Mentale Last in der Promotion (Podigee-Link nach Veröffentlichung)
- Daminger, A. (2019). The Cognitive Dimension of Household Labor. American Sociological Review, 84(4), 609–633. org/10.1177/0003122419859007
- Psychische Belastungen von Promovierenden
- Folge 199: Promovieren mit psychischen und physischen Einschränkungen
- Folge 245: Lost nach der Deadline
- Folge 272: Trauer und Promotion
- Folge 286: Promotionsabbruch
Was ist mentale Last in der Promotion?
Mentale Last ist die Denkarbeit, die neben der eigentlichen Arbeit an der Dissertation im Kopf stattfindet. Sie besteht aus vier Teilen: vorausdenken, Möglichkeiten suchen, entscheiden und im Blick behalten. Das Modell stammt aus der Familienforschung (Daminger, 2019) und lässt sich auf die Promotion übertragen.
Warum ist mentale Last in der Promotion so anstrengend?
Eine Promotion dauert Jahre, und einen klaren Feierabend gibt es selten. Viele denken auch beim Zähneputzen oder abends im Bett an Fristen, Entscheidungen und offene Fragen. Dazu kommen mehrere Rollen gleichzeitig, etwa im Job, in der Care-Arbeit und als betreute Promovierende.
Was hilft gegen mentale Last in der Promotion?
Hilfreich ist, die Last zu verteilen. Fristen und Ferien kommen in den Kalender, dazu feste Zeiten, in denen Du über belastende Themen nachdenkst. Größere Entscheidungen ordnest Du einem Termin wie dem Betreuungsgespräch zu, den Überblick behältst Du in einer festen Wochenplanung.
Wann sollte ich mir Hilfe holen?
Wenn nichts mehr entlastet, Du dauerhaft schlecht schläfst oder Dich zurückziehst. Anlaufstellen sind psychologische Beratungsstellen an Hochschulen, die oft auch Promovierende beraten, sowie Hausärztinnen und Hausärzte. Du darfst Dir früh Unterstützung holen.
Dieser Beitrag richtet sich an Promovierende mit Stelle, Stipendium, Job oder Care-Aufgaben, die neben der Dissertation viel im Kopf behalten.






