Wiedereinstieg in die Dissertation

Der Text ist nach einer Auszeit noch da. Was fehlt, ist oft das Arbeitswissen: Warum steht dieser Abschnitt hier? Warum hast Du eine Quelle aussortiert? Welche Stelle war noch offen? Dieses Wissen musst Du beim Wiedereinstieg erst wieder rekonstruieren.

Wiedereinstieg in die Dissertation: Drei Schritte zurück in Deinen Text

Dieser Beitrag richtet sich an Promovierende, die nach einer längeren Pause zurück in ihre Dissertation finden wollen, insbesondere an berufsbegleitend und extern Promovierende mit großen Abständen zwischen den Schreibzeiten.

Beim Forschen und Schreiben triffst Du laufend Entscheidungen. Du legst eine Reihenfolge fest, wählst Quellen aus, entwickelst ein Argument weiter oder kürzt einen Abschnitt. Dazu kommen Gedanken, die Du später aufgreifen möchtest. Dieses Arbeitswissen entsteht während des Schreibens und bleibt meist implizit. Solange Du regelmäßig mit Deinem Material arbeitest, kannst Du darauf schnell zugreifen.

Mit zunehmendem zeitlichem Abstand verändert sich dieser Zugriff. Nach einer Woche reicht häufig ein Blick auf die letzten Absätze. Nach zwei oder drei Wochen braucht der Wiedereinstieg meist mehr Zeit und einen eigenen Arbeitsschritt.

Das betrifft auch Schreibphasen im normalen Promotionsalltag. Bei einer berufsbegleitenden Promotion können zwischen zwei Schreibzeiten mehrere Wochen liegen. In langjährigen Projekten bleiben einzelne Kapitel oder Themen über längere Zeit liegen. Beim erneuten Bearbeiten braucht es deshalb Zeit, um Entscheidungen, Argumentationslinien und offene Fragen wieder präsent zu haben.

Schritt 1: Lesen mit einem Stift

An Tag 1 schreibst Du an Deinem Text nichts. Du liest.

Nimm Dir die letzten zwanzig bis dreißig Seiten vor oder das Kapitel, an dem Du weitermachen willst. Dann gilt eine Regel: Du korrigierst nichts. Kein Komma, keine Formulierung, keine Fußnote. Sobald Du zu korrigieren anfängst, arbeitest Du am Detail und der Überblick bleibt aus.

Stattdessen markierst Du zwei Dinge. Ein Fragezeichen an jede Stelle, die Du nicht mehr verstehst, überall dort, wo Du Dich fragst, was Du eigentlich sagen wolltest. Ein Ausrufezeichen an jede Stelle, an der Du weiter warst, als Du dachtest. Farben, Smileys oder Sternchen funktionieren genauso, solange Du bei Deinem System bleibst. Ausdrucken hilft vielen dabei, den Text am Stück zu erfassen.

Danach überträgst Du die markierten Stellen in eine Liste. Fünf bis fünfzehn Punkte sind normal, vierzig sind auch in Ordnung. Aus dieser Liste markierst Du die fünf Punkte, die Dich am meisten stören. Mit denen arbeitest Du weiter, der Rest wartet.

Ein bis drei Stunden genügen dafür. Danach hast Du einen Überblick, und Du hast ihn Dir durch Lesen geholt.

Schritt 2: Fünf Fragen, die Deine Argumentation zurückholen

Leg zwischen Schritt 1 und Schritt 2 einen Tag Pause. Dann nimmst Du Dir das Kapitel vor und beantwortest fünf Fragen, je in einem Satz:

  • Was ist die Hauptaussage dieses Kapitels?
  • Welche Funktion hat es im Ganzen?
  • Was ist neu gegenüber dem Forschungsstand?
  • Was folgt daraus für Deine Fragestellung?
  • Was fehlt hier noch?

Bei der Frage nach dem Neuen stocken viele. Dann schreibst Du „weiß ich noch nicht“ hin und machst weiter. Diese Antwort kommt manchmal erst, wenn die anderen Fragen beantwortet sind. Wer mit dem Schreib-Ziel-Plan arbeitet, hat den nächsten Schritt schon notiert und kommt entsprechend schneller zurück.

Meistens lösen sich dabei etliche Fragezeichen von Tag 1 auf. Sobald die Hauptaussage klar dasteht, wird die Reihenfolge wieder verständlich.

Manchmal zeigt sich etwas anderes: Die Hauptaussage hat sich verschoben. Das ist eine wichtige Beobachtung, und sie fühlt sich unangenehm an. Lösch an dieser Stelle nichts. Notier die neue Fassung in einer anderen Farbe unter der alten und denk in Ruhe darüber nach. Möglicherweise sieht es morgen wieder anders aus. Und es ist genau das Material, über das sich mit der Promotionsbetreuung gut sprechen lässt.

Schritt 3: Der kleinste Punkt auf Deiner Liste

Erst jetzt schreibst Du. Nimm bewusst den Punkt, der Dir am leichtesten fällt: einen Absatz, der ein Zitat einordnet, eine halbe Seite, für die Du das Material schon hast.

Setz Dir ein Ziel, das Du sicher erreichst. Der Grund dafür ist einfach: Ein erreichtes kleines Ziel bringt Dich schneller zurück an den Schreibtisch als ein großes, das Du verfehlt hast.

Der Text darf roh sein. Setz Platzhalter, wo Dir eine Quelle fehlt, und schreib weiter. Falls Schritt 3 sich weiterhin schwer anfühlt, geh zurück zu Schritt 2 mit einem weiteren Kapitel. Manche Projekte brauchen dafür mehrere Tage, und das ist in Ordnung.

Verbindlichkeiten schaffen

Der Wiedereinstieg ist das eine. Die zweite Frage lautet, was Dich in den nächsten Wochen bei der Sache hält. Promotionen fallen im Kalender oft hinten runter, weil sie zwar wichtig sind, aber selten dringend.

Ein Projekt pro Monat. Zeitpläne überholen sich in der Promotion relativ häufig und das liegt an der Sache: Forschung lässt sich schlecht vorhersagen, das Leben auch. Auf Monatsebene funktioniert Planung besser. Leg ein Projekt fest, zum Beispiel: Bis Ende September steht der Methodenteil als Rohtext. Nimm das, was Dich am meisten aufhält, also den Teil, an dem mehrere Schritte hängen. Dann rechne nach: Dreimal 90 Minuten pro Woche ergeben achtzehn Stunden im Monat. Passt Dein Projekt dort hinein? Falls es eng wird, verkleinere das Projekt. Übrigens muss der Monat weder am Ersten anfangen noch am Dreißigsten enden, vom Fünfzehnten bis zum Fünfzehnten funktioniert genauso.

Termine, an denen Menschen beteiligt sind. Melde Dich fürs Kolloquium an. Vereinbare mit einer Person Feedback auf einen Textabschnitt, mit Liefertermin. Verabrede ein wöchentliches Gespräch. In Fokus Promotion gibt es dafür Wochenplanung, Schreibraum und Schreibwochen.

Bleib sichtbar für Deine Betreuung. Zum Semesterstart eine kurze Statusmeldung: Wo stehe ich, woran arbeite ich, was ist meine nächste Frage.

Schreibzeiten verteidigen. Trag sie in den Kalender ein, und zwar dorthin, wo Du wach bist. Für viele ist das der Vormittag. Freitagnachmittag funktioniert selten, außer als bewusster Kassensturz für ein Arbeitswochenende.

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